Lange Zeit war klar: Große und aufwendige Naturfilme sind vor allem eines: schön. Um Umweltschutz geht es vielleicht auf der Tonspur. Das ändert sich gerade – die Großproduktion "Our Planet" nimmt den Klimawandel ernst.

In acht Episoden erzählt der britische Naturfilmer David Attenborough in"Our Planet" von der Schönheit der Natur. Er thematisiert aber auch ihre Bedrohung durch den Klimawandel. Wir haben mit Anna Freytag darüber gesprochen, ob und wie in Dokumentarfilmen der Umwelt- und Klimaschutz vorkommt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover.

Für sie ist "Our Planet" die erste massentaugliche Großproduktion im Genre der Naturfilme, die sich auch mit dem Klimawandel beschäftigt. Bisher sei das eher ein Nischenthema gewesen.

"Mit dieser Filmreihe wird das erste Mal der Klimawandel auf den Plan gerufen. Das ist in den vergangenen großen Blockbustern zur Naturdokumentation nicht so gewesen."
Anna Freytag, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hannover

Anna Freytag weist darauf hin, dass Netflix als Anbieter von "Our Planet" ausschließlich kommerzielle Interessen hat. Das Portal hat keinen öffentlichen Bildungs- und Informationsauftrag, dem andererseits die öffentlich-rechtlichen Medien, auch der Deutschlandfunk, verpflichtet sind.

Entertainment oder Bildung?

Bei einer größeren Zahl von Naturdokumentationen hat Anna Freytag beobachtet, dass erzieherische Elemente – also Hinweise auf Umwelt- und Klimaschutz – zwar vorkommen, insgesamt aber vergleichsweise selten sind. Sie meint, dass dies vor allem von der Ausrichtung der Dokumentarfilme abhängig ist. Die Wissenschaftlerin spitzt das auf die Entscheidung zwischen Entertainment und Bildung zu.

"Was ist das Ziel einer solchen Dokumentation? Soll es unterhaltend sein und eventuell für hohe Quoten sorgen, oder hat man einen Bildungsauftrag."
Anna Freytag, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hannover

Folgt der Filmemacher einem Bildungsauftrag, entscheidet die Verpackung, das Image des Films über sein Publikum. Anna Freytag sagt, dass bei Naturdokumentationen immer der Hinweis auf die Schutzbedürftigkeit des schönen Naturraums auftauchen sollte. Weil der Zustand auf dem Bildschirm eben oft nicht von Bestand ist. Schlimmer noch: Wenn durch den Film der Wunsch geweckt werde, zu den Naturschönheiten im Film zu reisen, könne die Reise selbst ihren Anlass gefährden.

Anna Freytag ist sicher: Naturdokumentationen haben durchaus das Potenzial, unser Bewusstsein für Natur- und Umweltschutz zu schärfen, weil sie Emotionen vermitteln. Typischerweise könnten sie Ehrfurcht vor der Natur wecken und auf diese Weise dazu anregen.

"Unsere Forschung zeigt, die Doku 'Unser Plastikplanet' wird sicherlich ein ganz anderes Publikum erreichen als 'Unser Planet' mit tollen Tier- und Naturwelten."
Anna Freytag, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hannover

Auch auf Mischformen der Dokus zwischen erhobenem Zeigefinger und Naturbegeisterung weist Anna Freytag hin. Häufig werde im Sprechertext, der gleichzeitig mit den Naturbildern zu hören ist, die Achtung des sichtbaren Naturraums gefordert. Das Problem: Viele Zuschauende könnten diese Informationen gar nicht verarbeiten – insbesondere, wenn sie auf Zerstreuung aus seien.

"Es kommt darauf an, ob jemand gewillt ist, etwas mitzunehmen, etwas zu lernen, oder ob man es am Wochenende zum Einschlafen schaut. Dann ist die Tonspur mit der mahnenden Stimme sicherlich stark im Hintergrund."
Anna Freytag, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hannover

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