Eisbaden, hörbar ausatmen, barfuß über eine Wiese gehen – es gibt hunderte Hacks, die das Nervensystem beruhigen sollen. Kathy hat einige ausprobiert. Welche sinnvoll sind und warum hinter dem Wunsch nach Wohlbefinden ein Milliardenmarkt steckt.
Endlich zuhause, keine Termine, kein Trubel. Und trotzdem fühlte Kathy sich angespannt und gestresst. Ihre Gedanken kreisten umher und wurden nicht selten zu Worst-Case-Szenarien. Über Monate ging das so, erzählt sie.
Trotz Ruhe keine Entspannung
Auch Kathys Schlaf litt: "Einschlafen fiel mir schwer, die Nächte waren nicht mehr erholsam." Einen Burn-out schloss Kathy für sich aus. Sie hatte schon mal einen, erzählt sie, der habe sich anders angefühlt. Jedenfalls wurde ihr klar: So wie es war, sollte es nicht bleiben.
Kathy nimmt sich vor, ihr Nervensystem in einer 30-Tage-Challenge gezielt runterzufahren. Ideen und Ansätze findet sie haufenweise im Internet und auf Social Media: Atemübungen, Eisbäder fürs Gesicht, Bewegung, Stille und mehr.
Was macht das Nervensystem?
Unser autonomes Nervensystem besteht aus zwei Gegenspielern, dem Sympathikus und dem Parasympathikus, erklärt Nils Krümmer, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Bonn.
Der Sympathikus versetzt den Körper in Alarmbereitschaft: Der Herzschlag wird schneller, Energie wird mobilisiert. Der Parasympathikus macht das Gegenteil: Er sorgt für Ruhe, Erholung und Regeneration. Problematisch wird es, wenn dieses Gleichgewicht dauerhaft kippt Richtung anhaltender Anspannung.
"Der Parasympathikus und der Sympathikus stehen im ständigen Wechselspiel. So kann der Körper angemessen auf Belastung und Erholung reagieren."
Eine 30-Tage-Challenge fürs Nervensystem
In ihrer Challenge beginnt Kathy zuerst damit, ihren Stresszustand überhaupt wahrzunehmen: Bin ich gerade im Alarmmodus oder schon etwas runtergefahren? Am wirksamsten, erzählt sie, ist für sie etwas ganz Einfaches: ein täglicher Spaziergang.
"Was ich seitdem täglich eingeführt habe, ist der Morgenspaziergang. Ich gehe raus – wirklich egal, bei welchem Wetter."
Den meisten Hacks kann Kathy etwas abgewinnen, aber schnell stellt sie fest: Nicht alles passt in ihren Alltag. Gesichtseisbäder zum Beispiel findet Kathy super, aber sie lassen sich nicht immer umsetzen. Genauso wie Eisbaden. "Mein größtes Learning: Ich muss nicht jeden Trend mitmachen", sagt sie.
"Wenn ein Entspannungstool zum To-do wird, bringt es gar nichts."
Wo ein Need ist, entstehen Angebote
Viele dieser Tools sind kostenlos, einige kosten "nur" Daten, andere Geld - manchmal auch ziemlich viel Geld. Vor allem junge Menschen sind bereit, in Wellness zu investieren, sagt Christine Schäfer vom Thinktank des Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI).
Die Wissenschaftlerin erforscht Trends. Mentale Gesundheit und Fitness zählt sie zum Sektor Wellness. Dazu gehören außerdem körperliche Gesundheit, Ernährung, Schlaf und Schönheit. Also all das, was wir, die westliche Gesellschaft, unbedingt haben wollen – und dabei noch ordentlich im Job performen.
"2023 lag die globale Wellness-Ökonomie bei rund 6,3 Billionen US-Dollar."
Und so boomt der Wellness-Markt, der all diese Wünsche vermeintlich erfüllbar macht. Bis 2028 könnten es laut GDI fast neun Billionen US Dollar werden - weit mehr als beispielsweise die Wirtschaftsleistung Deutschlands.
Besonders junge Menschen geben dafür viel Geld aus, oft rund 150 Euro im Monat. "Das passt zu einem enormen Optimierungsdruck", erklärt die Trendforscherin. Wellness, das ist längst mehr als Cremes, hier werden ganzheitliche Lösungen für ein besseres Leben verkauft.
Routinen statt Produkte
Dauerstress lässt sich allerdings nicht wegkaufen. Nils Krümmer rät deshalb zu etwas Bodenständigem: Routinen. "Regelmäßige Erholungsphasen helfen dem Körper, mit Alltagsanforderungen umzugehen", sagt er. Atemübungen sind ein Beispiel, genauso wie feste Zeiten für Bewegung oder Entspannung. Wer sich das im Terminkalender einträgt, droht abends nicht bei Netflix zu versacken, so der Psychologe.
Auch Kathy probiert Atemübungen, Meditation aus – oder "Dauerstille", wie es gerade heißt: 15 oder 30 Minuten nichts tun. Keine Ablenkung. Anfangs sei das fast unerträglich gewesen.
"Ich habe gemerkt: Wenn ich nicht mal 15 Minuten ruhig sitzen kann, ohne an meine To-do-Liste zu denken, ist genau das der Grund, warum ich Stille brauche."
Kathy ist offen, probiert neue Hacks aus, reflektiert immer wieder, was das mit ihr macht. Eisbaden, erzählt sie, tut ihrem Nervensystem total gut. Im Alltag setzt sie hingegen auf die Hacks und Routinen, die sich möglichst einfach umsetzen lassen. Der Spaziergang zum Beispiel. "Ohne Handy. Einfach Eichhörnchen im Park anschauen oder Enten. Und schon komme ich stärker im Moment an."
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