Mit "Becoming" landete Michelle Obama einen Bestseller. Sie ging mit dem Buch auf Lesetour und begeisterte das Publikum. Die Dokumentation "Becoming" auf Netflix ist quasi eine Verfilmung davon: Eine perfekte Selbstinszenierung, die emotional bewegt.

Wer große Enthüllungen erwartet, wird von dem Dokumentarfilm "Becoming" enttäuscht sein. Es geht um Momentaufnahmen aus der Buchtour von Michelle Obama. Für die, die das Buch "Becoming" gelesen haben, biete der Film vermutlich nicht viel Neues.

Wenig Neues, aber viel Emotion

Der Film wirkt wie ein Konzertfilm, aber es werde eben nicht gesungen, sondern gelesen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anna Wollner.

Zu sehen sind anekdotenreiche Bühnengespräche mit wechselnden Moderatoren und Moderatorinnen wie Gayle King, Stephen Colbert oder Oprah Winfrey. Auch wurde etwas Archivmaterial aus dem Familienalbum und Einblicke ins Leben der Obamas im Weißen Haus eingebaut.

"Die große Enthüllungsstory ist es nicht. Es gibt nichts Intimes, nichts Privates."
Anna Wollner, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Dazu kommen Filmaufnahmen von Treffen Michelle Obamas mit jungen Frauen, denen sie Mut machen will. Sie versucht sie zu animieren, sich zu engagieren und die eigenen Ziele zu verfolgen. "Egal, wo man herkommt, man kann es schaffen: Das ist die Message nach 90 Minuten Film", sagt Anna Wollner. Teils habe Michelle Obama sie etwas an eine Motivationstrainerin erinnert.

"Die Selbstinszenierung ist fast perfekt."
Anna Wollner, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die Dokumentation sei null kritisch, sie diene der Selbstinszenierung. "Es ist wie ein 90-minütiger Michelle-Obama-Promofilm", sagt Anna Wollner.

Gezeigt wird zum Beispiel auch, wie Barack Obama seine Frau auf der Bühne überrascht und das Publikum jubelt. Auch Szenen eines Abendessens bei ihrem Bruder werden im Film gezeigt. "Es wird Nähe suggeriert", sagt Anna.

Michelle Obama inspiriert ihr Publikum

Dennoch schafft es der Film, viel Emotionalität aufzubauen und zu vermitteln. Anna Wollner musste schon nach den ersten Minuten mit den Tränen kämpfen.

"Die Bilder der jubelnden Menschenmenge sind überwältigend." Auch dass so viele Frauen im Publikum sitzen, die Michelle Obama wirklich inspiriert. Diese Bilder stehen auch zum Kontrast zu jenen, die aktuell aus dem Weißen Haus kommen.

"Die Emotionalität und Nähe haben mich verblüfft. Sie zeigen: Die Obamas sind auch nur Menschen."
Anna Wollner, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zu dem Dokumentarfilm gehört auch eine geschickte Vermarktungsstrategie. Denn die Produktionsfirma Higher Ground gehört den Obamas.

Das Unternehmen hat bei Netflix einen sogenannten First Look Deal unterzeichnet, der dem Streaming-Dienst ein Vorkaufsrecht einräumt. Für "American Factory", der auch von Higher Ground produziert wurde, gab es 2019 einen Oscar. Der Film handelt von einem chinesischen Autoglas-Hersteller, der im US-Bundesstaat Ohio ein Werk wiedereröffnet.

Im Großen und Ganzen sind Netflix und andere US-Streaming-Plattformen aber nicht bekannt für ihre politisch motivierten Dokumentarfilme. "Im Mittelpunkt steht die fiktive, überspitzte, dramaturgische Aufarbeitung", sagt Anna Wollner. Auch der Film "Becoming" sei keine journalistische Auseinandersetzung. "Und will das auch nicht sein."