In Frankreich lässt sich Netflix seit Neustem auch als lineares Angebot anschauen. Im Fernsehen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was eine Streaming-Plattform eigentlich macht. Das Ganze ist ein Lockangebot für ältere Zielgruppen.

Der Film fängt zu einer bestimmten Zeit an, er lässt sich nicht pausieren - und das Programm, das danach kommt, lässt sich auch nicht beeinflussen. Klingt sehr nach Fernsehen wie noch früher bei Mama und Papa.

Ausgerechnet Netflix hat dieses lineare Programm jetzt aber in Frankreich gestartet. Das Ganze ist ein Versuch, neue Zielgruppen zu erschließen - vor allem ältere Menschen, die das lineare Gucken gewohnt sind.

"Das ist quasi ein Lock-Angebot. Netflix will an die vor allem älteren Leute ran, die mit Streaming noch nicht so richtig was anfangen können."
Matthis Dierkes, Deutschlandfunk Nova

Der Test hat vor genau einer Woche angefangen und wird noch ausgeweitet. User brauchen einen Netflix-Account und können das lineare Programm dann über einen Browser starten, entweder über den PC, aber auch übers Tablet oder einen Smart TV.

Frankreich: traditioneller Markt, außerdem Quoten für Serien

Der Markt in Frankreich hat für Netflix eine besondere Bedeutung, hat uns Torsten Zarges vom Medienmagazin DWDL erzählt. Er sei eher traditionell geprägt und viele Menschen würden noch gerne das sehen, was gerade läuft. Motto: Hinsetzen, zurücklehnen und berieseln lassen.

"Ähnlich wie in Deutschland findet in Frankreich noch überdurchschnittlich viel lineare TV-Nutzung statt. Nicht wie in Skandinavien oder Großbritannien zum Beispiel, wo die Menschen schon sehr viel auf On-Demand-Nutzung übergegangen sind."
Torsten Zarges, DWDL-Chefreporter

Außerdem gelten in Frankreich besondere Regeln für Filme und Serien: Es gibt nämlich Quoten für regionale Inhalte. Unter anderem deshalb hat Netflix auch seine erste europäische Originals-Serie in Frankreich gemacht, lange bevor die erste in Deutschland gedreht wurde. Frankreich scheint also ein geeigneter Testmarkt für das lineare Netflix-TV zu sein.

Zurücklehnen und bedient werden

Ob das Angebot bald auch auf andere Länder, etwa Deutschland, ausgeweitet werden soll, ist noch nicht bekannt. Netflix testet aber momentan immer mal wieder neue Funktionen: Eine heißt "Shuffle Play" und ist eine Art Zufallswiedergabe für Leute, die sich nicht entscheiden können. Eine Serie, Doku oder ein Film aus Genres, die die Leute sonst auch gerne gucken, startet einfach automatisch. Im Prinzip ist das die gleiche Idee: Zurücklehnen und bedient werden.

Die Zahl an neuen Serien und Filmen, die die Streaming-Anbieter veröffentlichen, steigt. Gleichzeitig verschwinden viele Inhalte auch relativ schnell wieder von der Plattform. Es ist ein Angebot, das manche Nutzer schon mal überfordern kann. Gerade für ältere Menschen kann das eine Hürde beim Einstieg sein.

Wer soll das alles anschauen?

Ob die Mehrheit der Userinnen und User aber wirklich genervt ist von dem Überangebot, lässt sich schwer messen, sagt Torsten Zarges von DWDL. Die Streaming-Anbieter wüssten zwar von diesem potentiellen Problem, sie seien aber auch in der Zwickmühle. Denn natürlich müssten sie immer wieder neue Inhalte hochladen - wegen der Dauergucker und wegen der Konkurrenz.

Trotzdem: Das Angebot darf nicht zu unübersichtlich werden und die Nutzerinnen und Nutzer müssten sich weiterhin zurechtfinden. Hier das richtige Maß zu finden, sei schwierig.

"Das ist gar nicht so einfach. Auch wenn man seine Algorithmen einsetzt, wird es sicher ein bisschen Trial and Error brauchen, um da das richtige Maß zu finden."
Torsten Zarges, DWDL-Chefreporter

Vor allem zu Beginn der Corona-Krise haben die Streaming-Anbieter sehr viele neue Kunden dazugewonnen. Doch der Konkurrenz-Kampf wird in Zukunft noch größer werden, sagt Matthis Dierkes von Deutschlandfunk Nova.

Mit Paramount Plus kommt 2021 nämlich ein weiterer Anbieter auf den europäischen Markt, unter anderem mit Formaten aus dem Star-Trek-Universum.

2021: Paramount Plus

Mehr Konkurrenz bedeutet für die User allerdings nicht, dass ihre Abos billiger werden, sagt Torsten Zarges von DWDL. Die Preisentwicklung gehe bisher eher aufwärts als abwärts und die Streaming-Anbieter würden alles dafür tun, die Preise zu halten - weil es sich sonst nicht mehr lohnt, neue Serien oder Filme zu produzieren, sagen sie.

Denkbar sei aber, dass sich mehrere Anbieter zusammentun und vergünstigte Abos anbieten.