Wenn Menschen sich für eine Impfstoff-Studie freiwillig mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infizieren lassen, dann spart das möglicherweise Zeit bei der Impfstoffsuche und rettet so Leben. Allerdings setzen die Probanden sich auch einem sehr hohen Risiko aus – sie könnten sogar sterben.

Die Pandemie-Vorschriften in Deutschland sind zurzeit wieder relativ locker, aber noch weit weg von normal. Viele von uns wünschen sich beispielsweise, endlich mal wieder auf ein Festival oder in einen Club gehen zu dürfen. Das wird allerdings noch lange dauern: Erst, wenn voraussichtlich im nächsten Jahr ein Impfstoff auf den Markt kommt, gibt es wohl weiterreichende Lockerungen für größere Veranstaltungen.

Um die Suche nach einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus zu beschleunigen, werden in Fachkreisen derzeit sogenannte"Human-Challenge-Studien" diskutiert, bei denen sich Freiwillige mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infizieren lassen. Allerdings bergen die auch hohe gesundheitliche Risiken für ihre Teilnehmer.

"Bei so einer Impfstoff-Testung bekommen Freiwillige den Impfstoff gespritzt, dann wartet man entweder ab, ob sich der Freiwillige mit Corona ansteckt oder man infiziert ihn absichtlich mit dem Virus."
Martin Winkelheide, Wissenschaftsjournalist

In erster Linie suchen Forschende Antworten auf Fragen wie:

  • Schützt ein Impfstoff vor Ansteckung?
  • Wie gut wirkt ein Impfstoff?
  • Wie oft muss ein Impfstoff verabreicht werden?
  • Wie hoch muss in Impfstoff dosiert werden?

Es gibt in der Regel zwei Varianten, wie bei Impfstoff-Studien Antworten auf diese Fragen gesucht werden: Zum einen kann man einem Versuchsteilnehmer den potenziellen Impfstoff spritzen und dann abwarten, ob der Proband sich in den folgenden Wochen oder Monaten mit dem Virus ansteckt.

Absichtliche Ansteckung führt zu schnelleren Ergebnissen

Aufgrund der Kontakt- und Hygienebeschränkungen kann es allerdings sein, dass der Versuchsteilnehmer nicht mit dem Virus in Berührung kommt. Und es lässt sich, wenn der Proband sich nicht ansteckt, schwer bestimmen, ob es daran gelegen hat, dass der Impfstoff wirksam war. Aus diesem Grund kann es bei dieser Variante lange dauern, bis die Forschenden zu einem zuverlässigen Ergebnis kommen.

Die zweite Variante: Human-Challenge-Studien. Dabei werden Probanden mit einem Impfstoff-Kandidaten geimpft und anschließend geplant mit dem neuartigen Coronavirus infiziert.

Freiwillige Infektion birgt schwere Gesundheitsrisiken

Die Versuchsteilnehmer werden für diese Art von Studien nach bestimmten Kriterien ausgewählt, sagt Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide: jung, körperlich fit, keine Vorerkrankungen. Allerdings kommt es selbst bei diesen Personen in einem Prozent der Fälle zu schweren Erkrankungen mit Covid-19.

Außerdem sind mögliche Langzeitfolgen für Nieren, Bauchspeicheldrüse oder Herzfunktion noch nicht genau erforscht. Und bisher ist auch nicht bekannt, wie hoch die Konzentration der Viren sein muss, damit sich ein Mensch mit Covid-19 ansteckt.

"Die Teilnehmer müssen sehr gut informiert sein und im Fall einer Erkrankung wirklich optimal versorgt werden."
Martin Winkelheide, Wissenschaftsjournalist

Im Klartext: Teilnehmer einer Human-Challenge-Studie setzen sich einem erhöhten und langfristigen Gesundheitsrisiko aus. Eine sehr hohe Konzentration oder sehr tief eingeatmete Viren bei einer bewussten Infektion könnten möglicherweise auch einen schweren Verlauf der Krankheit verursachen, der sich bei einer natürlichen Infektion milder entwickelt hätte.

Ethische Voraussetzungen

Menschen, die an dieser Art von Studien teilnehmen, müssten genau informiert werden und bei einer Erkrankung optimal versorgt werden, sagt Martin Winkelheide – dies, zumal es bisher kein Medikament gibt und damit auch nicht auszuschließen ist, dass Versuchsteilnehmer aufgrund einer Infektion sterben. Auch muss ausgeschlossen werden, dass Probanden aus wirtschaftlichem Druck mitmachen, sagt Martin Winkelheide.

Bevor solche Studie durchgeführt werden, sei es daher wichtig, dass die Ethikkommission prüfe, ob die bewusste Ansteckung mit Sars-CoV-2 gerechtfertigt ist – die WHO zum Beispiel empfiehlt für eine solche Prüfung eine Reihe von Kernkriterien. Ein Grund, der sicherlich trotz der Bedenken für diese Methode spreche, sei, dass so zu einem früheren Zeitpunkt ein Impfstoff gefunden und dadurch Menschenleben gerettet werden könnten.

Janis nimmt als Freiwilliger an einer Human-Challenge-Studie teil

Dieses Argument hat auch Janis Hanig mit überzeugt. Janis studiert, arbeitet nebenbei als Honorar-Lehrer und hat eine Agentur für Tour-Management im Bereich der klassischen Musik aufgebaut. Durch die Corona-Pandemie kann Janis viele seiner Projekte zurzeit nicht weiterverfolgen.

Um das ganze Interview mit dem Freiwilligen Janis Hanig zu hören, klickt auf den Playbutton.
"Ich habe lange überlegt, ob ich diese Risiken, die da veranschlagt werden, eingehen kann. Und ich habe für mich entschieden, dass es das wert ist."

Er hat lange zuhause gesessen und überlegt, erzählt er, wie er helfen und persönlich dafür sorgen könnte, dass Menschen zum Beispiel wieder angstfrei Konzerte besuchen oder Bahnfahren können. Zu diesem Zeitpunkt sei er auf die Idee gekommen, selbst an einer Human-Challenge-Studie teilzunehmen.

Janis nimmt bewusst ein hohes Risiko in Kauf

Das Risiko, an einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus zu sterben, läge ungefähr so hoch, wie bei einer Lebendorganspende, also zum Beispiel einer Nierenspende, sagt der 23-jährige Student – geschätzt bei 0,03 Prozent. Er habe sich die Fakten genau angesehen und angewogen, bevor er sich dann als Freiwilliger gemeldet hat.

Die Initiative "1 Day Sooner" bietet übrigens eine Online-Plattform an, über die sich Freiwillige wie Janis zu solchen Studien anmelden können. Inzwischen verzeichnet die Organisation über 28.000 Anmeldungen aus rund 100 Ländern. Janis arbeitet jetzt auch ehrenamtlich bei dieser Initiative mit.

In Deutschland eher unwahrscheinlich

Wann er seine Idee, selbst an einer Human-Challenge-Studie teilzunehmen, in die Tat umsetzen kann, ist unklar. Denn dass es solche Studien für einen Sars-CoV-2-Impfstoff in Deutschland geben wird, ist fraglich. Schon aus historischen Gründen ist man hierzulande eher zurückhaltend mit solchen riskanten Experimenten.