Infektionskrankheiten sind im Sommer seltener als im Winter. Deshalb haben Mediziner zu Beginn der Coronakrise gehofft, dass die Übertragungsraten im Frühjahr einbrechen könnten. Jetzt aber ist die Wissenschaft sich nicht mehr sicher, ob das etwas ändert.

Zurzeit arbeiten die Wissenschaftler mit Vermutungen, die sie aus den Erfahrungen mit anderen Viruserkrankungen ableiten. Zum Beispiel von den anderen vier humanen Coronaviren, die jeden Winter ihr Unwesen treiben. Diese Viren sind für etwa ein Drittel der Erkältungskrankheiten verantwortlich. Der Brite Rob Aldridge (Institute of Health Informatics am University College London) hat gerade eine Studie veröffentlicht, in der er untersucht, wann die meisten Infektionen mit diesen Viren in Großbritannien in den 2010er Jahren gemeldet wurden. Das Ergebnis: Ein starker Peak im Februar – und ganz wenige Infektionen im Sommer.

"Wie so oft in der Wissenschaft: Schwer zu sagen. Fest steht nur, dass wir in drei, vier Monaten eine sichere Antwort auf diese Frage haben werden."
Grit Kienzlen, Deutschlandfunk Nova

Die anderen Coronaviren sind - chemisch gesehen - den Sars-Viren sehr ähnlich. Wärme und hohe Luftfeuchtigkeit vertragen sie nicht so gut. "Gleichzeitig dürfen wir nie vergessen, dass wir es bei Sars-CoV-2 mit einem pandemischen Virus zu tun haben, dem unser Immunsystem wenig entgegenzusetzen hat und das unter anderem deshalb auch im Sommer infektiöser sein könnte als seine Coronaverwandten", sagt Grit Kienzlen.

Sars-CoV-2 im Vergleich zu anderen Erkältungsviren

Andere Erkältungsviren haben es aus unterschiedlichen Gründen schwer, sich im Sommer zu verbreiten:

  • Das intensivere UV-Licht und die Wärme schädigen Proteine und die DNA.
  • Im Winter halten wir uns viel mehr in geschlossenen Räumen auf. Die Viren in der Luft werden so weniger verdünnt und damit ist die Viruskonzentration höher. Deshalb ist Lüften so wichtig.
  • Beim Lüften kommt außerdem Luftfeuchtigkeit in die Wohnung. Und dadurch trocknen unsere Schleimhäute weniger aus.
  • Unser Immunsystem ist im Sommer vermutlich stärker. Aber das ist ein Punkt, mit dem Forscherinnen sich derzeit noch beschäftigen.

Der Virologe Christian Drosten hat das Thema auch vor kurzem in seinem Corona-Podcast aufgegriffen und bezieht sich dabei auf eine Studie, in der die Ausbreitung von Influenza-Viren im Sommer betrachtet wird. Er sagt: "Und die Schätzung ist, dass es durchaus zu einer kleinen Verlangsamung kommt. Die Schätzung ist da ungefähr, dass so eine halbe Einheit des R0-Wertes abgezogen werden kann." Das bedeutet: Dieser Schätzung zufolge gibt es eine halbe Ansteckung bei jedem Infizierten weniger. Mit anderen Worten: Der Effekt ist nur gering.