Zeit ist einerseits in Stunden und Minuten messbar, andererseits ist sie eine psychologische Konstruktion. Neurobiologe Henning Beck erklärt, wie das menschliche Gehirn versucht, beides in eine Reihe zu bringen.

Eine aktuelle Studie von Forschenden des Max-Planck-Instituts und der Universität Nijmegen fragt, woran Menschen sich orientieren, wenn man sie nach der Uhrzeit fragt. Die Antwort, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck, ist: "Menschen orientieren sich an Ereignissen und packen die Uhrzeit hintendrauf." Zeit ist individuell, erklärt er.

"Wir haben keinen Sinn für die Zeit. Wir spüren Stunden oder Minuten nicht", sagt der Neurobiologe. Das Gehirn suche sich Ereignisse, die in der Vergangenheit waren und lege sie auf eine Zeitachse, so beschreibt Henning Beck diese menschlichen Ordnungsversuche.

"Wir nehmen nicht die Zeit wahr, sondern was in der Zeit passiert."
Henning Beck, Neurobiologe und Wissensvermittler

Beim Versuch, einen Zeitpunkt in der Vergangenheit mit einer Uhrzeit zu benennen, orientieren wir uns rückwärts – an Ereignissen entlang. "Das Ereignis zählt", ist Henning Beck überzeugt.

Was Kurzweile und Langeweile mit Zeit zu tun haben

Daraus entstehe eine interessante Ambivalenz. Langweilige Momente sind während sie erlebt werden von langer Dauer, in der Rückschau aber werden sie kurz. Kurzweilige Momente sind, während sie erlebt werden, kurzweilig, in der Rückschau aber werden sie lang.

Wenn jemand also sage: Ein Ereignis wirke, als sei es scheinbar gerade gestern gewesen, dann bedeute das, dass diese Person in der letzten Zeit nicht besonders viel erlebt habe.

"All das, was flüchtig erscheint, die spannenden Sachen, die schnell vorbeigehen, die werden in der Rückschau besonders lang gedehnt."
Henning Beck, Neurobiologe und Wissensvermittler

Daraus ergibt sich für Henning Beck der Schluss, dass Menschen, die ein langes Leben haben wollen, möglichst viel erleben sollten. Jedenfalls wirke das Leben im Rückblick dann länger. "Wenn du dich langweilst, hat das Gehirn nicht viele Ereignisse, die es auf diese Zeitachse packen kann", sagt er. "In der Rückschau schnürt dieses Zeit zusammen."