Astralreise, Seelenwanderung, Out-of-Body-Experience. Seit Jahrtausenden berichten Menschen immer wieder von Erlebnissen, bei denen sich Seele und Körper zu trennen scheinen. Auf einmal stehen sie neben sich, liegen oder schweben gar außerhalb ihres Körpers. Alles erklärbar, sagt der Neurowissenschaftler Olaf Blanke: Wir haben es hier mit einem Ganzkörperphantom zu tun.

Wo bin ich? Wo ist mein Körper? Normalerweise müssen wir uns diese Fragen nicht stellen. Wir nehmen die Welt aus der Perspektive ein, die unser Körper uns vorgibt. Aber unser Gehirn kann Tricks mit uns spielen und uns vorgauckeln, unser Körper befinde sich an einer anderen Stelle als wir selbst. "Out-of-Body-Experience" lautet der englische Fachbegriff dafür. Olaf Blanke nennt es auch Ganzkörperphantom.

"95 Prozent aller Patienten empfinden nach Amputationen das Fortbestehen der verlorenen Extremität. Das ist ein gefühlter Phantomarm. Unser Modell der außerkörperlichen Erfahrung sieht die Out-of-Body-Experience als ein Ganzkörperphantom an."

Wem es schwer fällt, sich das vorzustellen, denke einfach an den Spiegel morgens im Bad: Wenn wir in einen Spiegel gucken, dann sehen wir unseren Körper an einer Stelle, an der er nicht ist. Darüber gibt es einen sehr schönen kurzen Film der Marx Brothers: die Spiegelszene.

Das Gehirn erkennt den Körper nicht

Olaf Blanke nimmt diesen Sketch als Ausgangspunkt, um genauer zu erforschen, wie wir unser "ich" und unseren Körper wahrnehmen und miteinander in Einklang bringen. Blanke ist Direktor des Zentrums für Neuroprosthetik in Lausanne und Professor für Neurologie an der Uniklinik in Genf.

"Außerkörperliche Erfahrungen treten bei fünf Prozent der Bevölkerung auf. Das Gehirn hat Probleme damit, den gesehenen und den gefühlten Körper zu integrieren. Es ist nicht selbstverständlich, dass unser Gehirn genau richtig berechnet, wo mein 'ich', wo mein Körper sich im Raum befindet. Das ist eine aktive Leistung des Gehirns."
Olaf Blanke, Neurowissenschaftler

Blanke und sein Team haben dieses Phänomen in vielen Experimenten erkundet. Dabei beziehen sie sich auf das Gummihandschuhexperiment. Dieses unter Neurowissenschaftlern viel diskutierte Experiment ist so erstaunlich wie lustig: Die Testpersonen werden so ausgetrickst, dass sie denken, ein Gummihandschuh sei ihre richtige Hand.

Olaf Blanke hat seinen Vortrag am 18. März 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin gehalten, auf einer Veranstaltung der Schering Stiftung im Rahmen der Brain Awareness Week. Der Titel des Vortrags lautet "Körperliches Ich-Bewusstsein: Von außerkörperlichen Erfahrungen zu Neuroprothesen."

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