Sie sind die Besten, ausgezeichnet mit einem der höchsten Wissenschaftspreise, dem Nobelpreis. Dennoch versteigen sich manche Forschende in diskriminierenden oder absonderlichen Aussagen über Viren oder Intelligenz, die angeblich mit der Hautfarbe zu tun hat. Teilweise ist das völlig unverständlich, findet Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla.

Wissenschaft und Auszeichnungen schützen auch Forschende nicht davor, Sachverhalte zu verdrehen, falsch darzustellen oder rassistische Behauptungen zu äußern. Dieses Phänomen wird als Nobelitis bezeichnet, abgeleitet vom Begriff Nobelpreis für herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse.

Jüngster Fall: Nobelpreisträger und Virologe Luc Montagnier. Impfgegner zitieren ihn gerade mit der Behauptung, dass alle, die geimpft wurden, in zwei Jahren sterben werden. Zwei Dinge sind daran falsch:

  1. Luc Montagnier hat das nie so gesagt.
  2. Diese Behauptung ist Unsinn.

Warum manche Nobelpreisträger Falsches behaupten

Experte für solche Falschmeldungen, auf Englisch Hoaxes, ist Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla. In einer der Podcast-Folgen ist er mit Tommy Krappweis der Frage nachgegangen, "warum hochrangige Akademiker nicht davor gefeit sind, den Pfad der Evidenz zu verlassen" und haben sich auf die Suche nach den Ursachen von "Nobelitis – der vermeintlichen Nobelpreisträger-Krankheit" gemacht.

Vor Jahren habe ein befreundeter Wissenschaftler Alexander Waschkau auf das Phänomen aufmerksam gemacht. Seine Recherche habe ergeben: Es gibt eine Reihe von Nobelpreisträgern und -trägerinnen, die irgendwann in ihrem Leben den wissenschaftlichen Tugendpfad – zumindest teilweise - verlassen haben und an Nobelitis leiden.

Beispiele:

  • Der Molekularbiologe James Watson erhielt 1962 den Nobelpreis für seine Entdeckung des Doppelhelix-Modell der DNA. Er hat den Aufbau des DNA-Moleküls entdeckt. Aber: Er hat sich später rassistisch über die Intelligenz von schwarzen Menschen geäußert und dabei Verbindungen zu Genetik und zu Vererbung gezogen. Alexander Waschkau sagt: Es ist längst nachgewiesen, dass Intelligenz nichts mit der Hautfarbe zu tun hat.
  • Linus Pauling hat den Nobelpreis für Chemie (1954) und Frieden (1963) bekommen. Er behauptete irgendwann, mit ausreichend Vitamin C diverse Krankheiten geheilt werden könnten. Das bemerkenswerte an ihm sei, dass er durch sehr abgehobene, neue Ideen die Wissenschaftswelt überfordert habe, die aber später bestätigt werden konnten, erklärt Alexander Waschkau. Dann kam er allerdings irgendwann auf die Idee, Vitamin C könne bei hoher Dosierung gegen jede Krankheit helfen. Diese Hypothese ist durch zahlreiche Studien widerlegt worden.
  • Kary Mullis ist Biochemiker aus den USA und hat 1993 für seine Erfindung der PCR-Methode den Nobelpreis bekommen, die ja gerade in der Pandemie bei den Corona-Tests so wichtig ist. Ausgerechnet er behauptet, dass das HI-Virus (das Virus) nichts mit Aids (die Krankheit) zu tun habe. Kary Mullis hat sogar ein Buch darüber geschrieben. "Das ist nicht zu erklären, einfach unverständlich", sagt der Hoax-Aufklärer Alexander Waschkau.

Außergewöhnliche Menschen mit besonderem Denkvermögen

Was diese Menschen auszeichne, ist, dass sie mit einer wissenschaftlichen, innovativen Hypothese oder Theorie, die sich dann auch bewahrheitet hat, den Forschungszweig drastisch erweitert haben, sagt Alexander Waschkau. Durch ihre Denkleistung waren sie imstande, die Wissenschaft voranzubringen. Sie seien in der Lage gewesen, auch mal in eine ganz andere Richtung zu denken.

"Das sind Menschen, die ungewöhnlich sind und Out-of-the-Box denken."
Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla

Der ganze Trubel um die Nobelpreisvergabe hat inzwischen eine so große mediale Aufmerksamkeit, dass Preisträger und -trägerinnen "auch schon so was wie Stars werden", erklärt Alexander Waschkau. US-Universitäten würden sich um Nobelpreistragende reißen.

"Nobelpreisträger werden in den USA hofiert und auf Händen getragen."
Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla

Dieser Hype um die Person und Ehrerbietung führe dazu, dass sie kaum noch mit Widerworten konfrontiert seien.

Nobelpreisträger lügen nicht

Für Menschen außerhalb der Wissenschaftsblase sei der Nobelpreis so etwas wie ein Zertifikat für einen Universalgelehrten, sagt Alexander Waschkau. "Wer so klug ist, dass er sogar den Nobelpreis bekommen hat und etwas sagt, dann muss das stimmen", denken wahrscheinlich viele. Dabei würden sie oftmals gar nicht mehr wissen, für welches Spezialgebiet Forschende ihre Auszeichnungen erhalten haben.

Schwierig sei es, wenn dann die Nobelpreisträger und -trägerinnen beginnen, über Dinge außerhalb ihres Wissenschaftsbereichs nachzudenken, sagt Alexander Waschkau. Wissenschaft sei so komplex geworden und niemand könne all die Bereich noch komplett überblicken. Wenn sie sich dann doch außerhalb ihres Wissenschaftsbereichs äußern, werden ihre Aussagen oftmals "als neue Wahrheit" angenommen, obwohl diese "in keiner Weise wissenschaftlich fundiert sind". Deshalb rät Alexander Waschkau, sollten auch renommierte Wissenschaftler lieber in ihrem Fachgebiet bleiben.

"Wenn aus dieser Community einer ausschert und sagt, ich weiß es besser, dann ist das ungewöhnlich."
Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla

Wenn ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin aus der Community ausschere, die sich einig ist, dann sei das ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmen könne. Dann sollte man auch überprüfen, ob diese Person überhaupt schon einmal eine wissenschaftliche Veröffentlichung zum Thema gemacht habe.

Hoaxes als Laien überprüfen

Wie kann ich als Nichtwissenschaftlerin oder Laie unterscheiden, wer etwas Fundiertes zu einem Thema zu sagen hat und wer nicht? Als aufgeklärte Menschen sollten wir immer überprüfen: Wer macht diese Aussage? Wenn ein einzelner Forscher der Wissenschafts-Community widerspricht, dann ist das ein Hinweis darauf auf, dass daran etwas nicht stimmen könne, sagt Alexander Waschkau.

Jeder kann in öffentlichen Datenbanken recherchieren, ob dieser Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin schon einmal zum Thema etwas veröffentlicht hat. Beispiel: Christian Drosten hat sein gesamtes Wissenschaftsleben zu Viren geforscht und schließt sich der Wissenschafts-Community an.

"Quellenprüfung ist leider anstrengend, macht Arbeit und ist lästig."
Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla