Wir haben oft Berührungsängste mit obdachlosen Menschen. Vor allem, wenn sie uns um eine Spende bitten. Einfach nur weiterzugehen, ohne etwas zu sagen, empfinden Obachlose, mit denen unser Reporter gesprochen hat, als unhöflich und respektlos.

Am schlimmsten waren die Sprüche, die er von Passanten zu hören bekommen hat, sagt der ehemals wohnungslose Thomas unserem Reporter Alexander Werth. Vor allem Sprüche, die unter die Gürtellinie gehen, sagt er.

"Wir sind genau so wie du. Wir wohnen halt auf der Straße, haben Schicksalsschläge hinter uns. Und das kann jedem passieren."
Thomas hat zwei Jahre lang auf der Straße gelebt

Thomas hat zwei Jahre in Düsseldorf auf der Straße gelebt. In der Fußgängerzone hat er um Geld gebettelt. Seit Kurzem lebt er in einer Wohnung von "Fifty-Fifty", einem Düsseldorfer Obdachlosen-Hilfsverein.

Der Verein gibt eine Zeitschrift heraus, die Bedürftige auf der Straße verkaufen können, um etwas Geld zu verdienen. Auch Thomas verkauft das Heft. Dafür spricht er Leute an und erfährt – nach wie vor – Ablehnung dafür: Er wird meist ignoriert, so, als sei er unsichtbar.

"Das ist heute auch noch so: Man ist dann wie Luft. Das ist schlimm geworden zum Teil. Richtig, richtig schlimm."
Thomas lebt inzwischen in der Wohung eines Obdachlosen-Hilfsvereins

Ähnliche Erfahrungen hat auch Rüdiger gemacht, der über 20 Jahre lang auf der Straße gelebt und Geld geschnorrt hat, wie er es nennt. Rüdiger sprach Passantinnen und Passanten an und fragte nach einer kleinen Spende. Wenn die dann einfach weitergehen, findet er das unverschämt.

Ein 'nein' ist besser als gar keine Reaktion

Wer freundlich angesprochen wird, sollte zumindest darauf reagieren. Das wünschen sich sowohl Rüdiger als auch Thomas. Für sie ist es die Grundlage eines respektvollen Umgangs miteinander. Denn wenn Passanten reagierten müssten sie ja nicht zwangsläufig etwas geben.

"Man kann doch sagen: 'nein' oder 'möchte ich nicht'. Aber dann einfach stur gucken und weitergehen. Überhaupt nichts sagen - also ich finde es dreist, so etwas."
Rüdiger hat über 20 Jahre lang auf der Straße gelebt

Ein einfaches "nein" empfinden die beiden als deutlich wertschätzender, als wenn sie wie Luft behandelt werden. Auch wenn das offensichtlich erscheint, machen sich die meisten von uns wohl nie Gedanken darüber, wie wir am besten mit Obdachlosen, denen wir begegnen, umgehen sollten.

Obdachlosen etwas spenden: Geld oder Essen?

Viele von uns sind zudem unsicher, was sie geben sollten, wenn sie Menschen auf der Straße etwas spenden wollen. Manche ziehen es vor, den Obdachlosen etwas zu essen zu geben, weil sie Sorge haben, dass Geldspenden für den Kauf von Drogen genutzt werden.

Geldspenden geben Obdachlosen die Freiheit, selbst zu entscheiden

Frank, der auch ungefähr 20 Jahre lang obdachlos war, hat einmal eine Tüte voller Brot, Käse und Wurst geschenkt bekommen. Das war einfach zu viel, sagt er, er konnte das alles gar nicht essen.

Diese Erfahrung hat auch Johannes Dörrenbächer gemacht. Er ist Sozialarbeiter bei Fifty-Fifty. Er sagt, dass die meisten Obdach- und Wohnungslosen in erster Linie Geld benötigen, weil sie offensichtlich arm sind.

"Weil sie dann auch selbstständig entscheiden können, was sie damit machen. Sei es Hundefutter oder eben auch Alkohol oder Drogen – das gehört durchaus auch dazu."
Johannes Dörrenbächer, Sozialarbeiter bei Obdachlosen-Hilfsverein Fifty-Fifty

Die Geldspende gebe den auf der Straße lebenden Menschen die Freiheit, zu entscheiden, ob sie es in ein Bahnticket oder in Hundefutter investieren wollen, sagt der Sozialarbeiter. Und selbstverständlich komme es auch vor, dass sie damit Drogen kaufen, fügt er hinzu.

"Der Alkohol wird gebraucht, damit man schlafen kann. Weil der ganze Stress auf der Straße, dann haste noch den anderen Stress im Kopf, von dir selber aus - das Paketchen, das du noch mitträgst."
Rüdiger, ehemalige Obdachlosen

Der ehemals obdachlose Rüdiger gab beispielsweise damals meistens offen zu, dass er Alkohol kaufte, wenn er um eine Spende bat. Er sagt, dass er wegen des Stresses, den er auf der Straße erlebte und aufgrund von früheren Erlebnissen etwas brauchte, um seinen Kopf zu betäuben, damit er überhaupt schlafen konnte.

Fragen, wie man helfen kann

Wer sich nicht damit wohlfühlt, Betroffenen Geld zu geben, weil sie es womöglich für Alkohol oder Drogen ausgeben, der fragt am besten einfach nach, wie er helfen kann.

Und wie die Allermeisten freuen sich auch viele Menschen auf der Straße über ein Aufmerksamkeit in der Adventszeit: ein kleines Geschenk - egal, ob wir Geld oder etwas Essbares schenken.