Wenn der Wohnraum in Großstädten begrenzt ist, machen manche Anwohner und Anwohnerinnen den öffentlichen Raum einfach zu ihrem Wohnzimmer: Auf Plätzen, Bürgersteigen oder Parkplätzen entstehen temporäre "Stadt-Terrassen" mit Bänken und Tischen, die alle nutzen können.

Im Sommer 2020 ist der Breisässerplatz in München ein Ort der Begegnung geworden, als mitten auf dem Platz Bänke und bepflanzte Hochbeete aus alten Holzpaletten aufgestellt wurden. Jeder, der vorbeikam, durfte die sogenannte Stadt-Terrasse nutzen, dort einen Kaffee trinken oder mit Freunden verweilen.

Nachdem die Stadt-Terrasse im Oktober wieder abgebaut wurde, schmücken die Paletten-Möbel jetzt den zweiten Sommer in Folge wieder den Platz.

"Es ist bunt gemischt. Ich finde es schön, dass die unterschiedlichsten Leute kommen. Tagsüber sitzen Leute hier in der Mittagspause mit etwas zum Essen und oft sieht man auch Leute mit einem Buch."
Elisa Maschmeier hatte mit ihrer WG die Idee einer Stadt-Terrasse in München

Den Platz vor der eignen Haustür gestalten

Die Idee dazu ist in der WG von Elisa Maschmeier entstanden. Im vergangenen Sommer haben sie die Sitzgruppe aus Paletten das erste Mal auf dem öffentlichen Platz in ihrer Nachbarschaft einfach aufgebaut und geschaut, was passiert, erzählt sie. Nachdem es eine anonyme Beschwerde gab, hat sich Elisa Maschmeier bei der Stadt München darüber informiert, ob sie eine offizielle Erlaubnis für die Stadt-Terrasse bekommt. Denn: Auch für den öffentlichen Raum gibt es in Deutschland Regeln.

Für ihr Projekt hat sich Elisa dem Verein "Die Städtischen" angeschlossen, einem Kollektiv, das sich für Initiativen im Stadtraum einsetzt. Sie konnten ihr unter anderem mit der Frage nach der Haftung helfen. Als Privatperson hätte Elisa sonst alleine für die Stadt-Terrassen haften müssen. Durch den Verein ist aus der Idee der WG ein Gemeinschaftsprojekt geworden, das viele unterschiedliche Menschen nutzen können, was die Haftung vereinfacht.

München: Alle können Stadt-Terrasse anmelden

Wenige bürokratische Hürden später gab auch die Stadt München ihr Ok und machte die Stadt-Terrassen zu ihrem Vorzeigeprojekt. Mittlerweile können dort alle Anwohnerinnen und Anwohner eine Stadt-Terrasse im öffentlichen Raum aufbauen. Dafür braucht es:

  • Wasserfeste Möbel, die wieder abgebaut werden können
  • Eine Fläche, die nicht größer als 75 Quadratmeter ist und 50 Meter vom nächsten Restaurant entfernt liegt
  • Eine Person, die die Stadt-Terrasse für eine einmalige Gebühr von 50 Euro beim Bezirksausschuss anmeldet

Den Stadtraum beleben

Anders als noch vor einem Jahr, als der Impuls von Elisa kam, sollen die Vorschriften jetzt möglichst niederschwellig sein, erklärt Stadträtin Lena Odell (SPD). Es gehe darum, dass Anwohnerinnen und Anwohner Lust bekommen, ihre Nachbarschaft mitzugestalten.

"Die Idee ist, dass die Menschen selber den Raum erobern können. Nicht, dass wir als Stadt sagen, das wäre doch ein guter Platz für eine Bank."
Lena Odell (SPD), Stadträtin in München

Der Plan scheint aufzugehen: Zwei weitere Stadt-Terrassen hat die Stadt München genehmigt, fünf andere Anträge warten noch auf eine offizielle Erlaubnis. Die Idee ist auch in Würzburg angekommen. Dort soll es bald ebenfalls Stadt-Terrassen geben.

Und auch das Land Nordrhein-Westfalen probiert die Stadtmöblierung aus: Seit Mai 2021 läuft das Modellprojekt über das Zukunftsnetz Mobilität NRW, bei dem sich jede Kommune in NRW Möbel für eine Stadt-Terrasse zeitweise ausleihen kann.


Unser Aufmacherbild zeigt, wie Anwohner aus alten Europaletten eine Sitzbank für die Stadt-Terrasse in ihrer Nachbarschaft zusammenbauen (rechts) und die erste Stadt-Terrasse Münchens am Breisässerplatz (links).