Aktuelle werden drei Theorien zur Entstehung der Omikron-Variante diskutiert. Welche davon am Ende stimmt, ist unsicher. Sie unterscheiden sich fundamental.

In England hat Omikron innerhalb weniger Wochen die Oberhand gewonnen. Dort fallen bereits Menschen aus essenziellen Berufsgruppen wie Polizei, Feuerwehr oder Gesundheitswesen aus. Die Warnungen und Sorgen scheinen begründet – zumindest, was die Ansteckungsgefahr angeht: Omikron kann die Immunabwehr sehr gut umgehen und ist viel ansteckender als die bisherigen Varianten.

Virusvarianten sind veränderte Formen eines Virus. Sie entstehen durch Evolution. Um überleben zu können, brauchen Viren Wirte. Deshalb kapern sie Zellen eines Wirtsorganismus und zwingen diese dazu, ihr Erbgut zu kopieren, so dass in der Wirtszelle neue Viren entstehen.

"Die Mutationen, die dem Virus einen Vorteil verschaffen, setzen sich durch."
Julia Polke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Diese neuen Viren können dann später neue Wirte infizieren und dort genau das Gleiche machen. Bei diesen Kopiervorgängen passieren allerdings Fehler, Mutationen. Sie passieren zwar zufällig – doch die Mutationen, die dem Virus einen Vorteil verschaffen, setzen sich durch.

Die Omikron-Variante scheint dem Coronavirus deutliche Vorteile zu verschaffen. Dafür, dass die Variante so viele Mutationen herausgebildet hat, gibt es momentan vor allem drei Theorien:

Theorie 1: Person mit schwachem Immunsystem

Die erste Theorie: Die Variante konnte sich in einer Person entwickeln, die ein schwaches Immunsystem hat. Dieser Mensch hatte sich mit Covid-19 infiziert, sein Immunsystem konnte das Virus aber nicht komplett besiegen und loswerden.

Das Virus-Erbgut wurde also ständig weiterkopiert – und dabei sind immer wieder neue Mutationen entstanden. Durchgesetzt haben sich die, die dafür gesorgt haben, dass das Virus die wenigen vorhandenen Antikörper umgehen, also in diesem Wirt bleiben kann.

Es gibt in der Tat einzelne Fälle, bei denen immungeschwächte Menschen über Monate mit dem Virus infiziert waren und bei denen nachgewiesen werden konnte, dass das Virus sich in ihrem Körper verändert hat.

Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass Omikron so ansteckend ist. Diese Eigenschaft hätte dem Virus innerhalb ein und derselben Person ja keinen Vorteil gebracht. Ansteckend zu sein ist eher vorteilhaft in einer größeren Population von Menschen.

Theorie 2: Omikron ist in größerer Population entstanden

Die zweite Theorie: Das Coronavirus hat sich in einer Region ausgebreitet und weiterentwickelt, in der wenig oder keine Sequenzierung stattfindet - wo es also lange Zeit unerkannt geblieben ist. Das Virus hat also über einen längeren Zeitraum viele Menschen infiziert und sich dabei immer weiterentwickelt, bis es zur aktuellen und im Labor nachgewiesenen Omikron-Variante geworden ist.

Für diese Theorie spricht: Viele Infektion erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Mutationen. Dagegen spricht, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass eine ansteckende Corona-Variante lange unentdeckt bleibt, selbst wenn sie zuerst in Regionen auftritt, in denen kaum Diagnostik stattfindet.

Theorie 3: Vom Mensch aufs Tier und zurück

Die dritte Theorie: Das Virus ist vom Menschen auf ein Tier übergesprungen, hat sich dort verbreitet und verändert und ist dann – in der veränderten Form – wieder auf den Menschen zurückgesprungen. Für diese Theorie spricht, dass das Virus bereits in mehreren Tierarten nachgewiesen werden konnte, zum Beispiel in Weißwedelhirschen. Die Hirsche hatten keinerlei Symptome, sie könnten also ein perfektes Virus-Reservoir sein.

"Welche der drei Theorien bei Omikron tatsächlich zutrifft, lässt sich noch nicht sagen."
Julia Polke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Welche der drei Theorien am Ende zutrifft, lässt sich noch nicht sagen. Womöglich stimmt auch keine von ihnen.

Irgendwann passt der Schlüssel vielleicht nicht mehr ins Schloss

Einige Forschende vermuten, dass das Virus irgendwann vielleicht nicht mehr so ansteckend ist: Um unseren Antikörpern zu entgehen, könnte es sich nämlich so sehr verändern, dass unsere Zellen es nicht mehr so gut erkennen können – dann wäre es ein Fremdkörper und könnte nicht mehr so leicht eindringen.

Ein bisschen kann man sich das vorstellen wie bei einem Schlüssel und einem Schloss: Der Schlüssel kann sich zwar immer weiter verändern, aber irgendwann passt er nicht mehr ins Schloss.

Möglich ist auch, die Omikron-Variante der Übergang in den endemischen Zustand der Corona-Pandemie ist. Wie bei der Grippe hätten wir es dann jedes Jahr mit einem etwas veränderten Virus zu tun. Genau deshalb müssten dann wahrscheinlich auch die Impfstoffe regelmäßig angepasst werden.