Vor 30 Jahren tobte in beiden Deutschländern die Diskussion, wie es nach dem Fall der Mauer weitergehen soll. Zwei souveräne Staaten nebeneinander? Ende November / Anfang Dezember 1989 trieb Helmut Kohl die Diskussion mit seinem 10-Punkte-Programm in Richtung Einheit. Die Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe, Hanna Haag und Daniel Kubiak erforschen, wieso viele Menschen aus Ostdeutschland diese Entwicklung als Abwertung erlebt haben.

Ossis. Wessis. Darüber wird auch drei Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution noch diskutiert. Menschen, die die DDR noch erlebt haben, aber auch deren Kinder, die nach 1989 geboren wurden, werden immer noch als "ostdeutsch" identifiziert. Doch was meint "ostdeutsch" - auch aus der Sicht von Ostdeutschen selbst?

"In der volkswirtschaftlichen Gesamtsicht musste dieser Umbruch den Ostdeutschen wie eine feindliche Übernahme erscheinen."
Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler

Thomas Ahbe berichtet in seinem Vortrag, wie die Arbeitslosigkeit nach 1990 in die Höhe ging, während die Geburtenrate tief sank. Er benennt vier Faktoren, die das Gefühl der Marginalisierung bei Ostdeutschen hervorgerufen haben könnten:

  • Umbruch in der Arbeitswelt
  • Überschichtung durch westdeutsche Eliten
  • Mediendiskurse
  • Geschichtspolitik

Die Sozialwissenschaftlerin Hanna Haag arbeitet biografisch. Sie hat Interviews mit Menschen geführt, die nach dem Mauerfall ihre Arbeit verloren haben. Sie schildert, wie sich der soziale und berufliche Wandel in Biografien niedergeschlagen hat.

"Die DDR wird als rückständig, als nachholend betrachtet, die ostdeutsche Kultur als defizitär."
Hanna Haag, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Zittau/Görlitz

Daniel Kubiak hat ebenfalls Interviews geführt, um herauszufinden, was von wem als "ostdeutsch" definiert wird. Und wieso wir weitaus seltener davon sprechen, welche Eigenschaften typisch "westdeutsch" sind. Seine These: Westdeutsch-Sein ist die unausgesprochene Norm.

"In Deutschland wird politische Einheit mit kultureller Einheit gleichgesetzt."
Daniel Kubiak, Sozialwissenschaftler, Humboldt Universität zu Berlin

Ostdeutsch ist das, was davon abweicht und als irgendwie weniger wertvoll angesehen wird, meint der Sozialwissenschaftler. In dieser Hinsicht seien "die Ostdeutschen" mit "den MigrantInnen" vergleichbar. In deren Abgrenzung bilde sich die (westdeutsche) Identität.

Die drei Vorträge wurden anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 24. September 2018 in Göttingen gehalten, auf der Veranstaltung "Ostdeutsche Verwerfungen: Der lange Schatten der ökonomischen Abwertung".

Thomas Ahbe sprach über "Quellen ostdeutscher Abwertungserfahrungen", Hanna Haag über "Biographische Entwertung - wertvolle Biographien. Ostdeutsche Narrative des sozialen und beruflichen Wandels nach 1989" und Daniel Kubiak über "Abwertung als Katalysator der Identitätsbildung - Analogien zwischen ostdeutschen und muslimischen MigrantInnen".