Jacob ist 26, aufgewachsen in Belgien. Und er bezeichnet sich als "Ossi" - weil seine Mutter eine Magdeburgerin ist. Doch was ist eigentlich typisch "ostdeutsch"? Und wie kann man sich darauf beziehen, selbst wenn man die DDR nur noch von Hörensagen kennt?

Die Sachsenbrücke im Leipziger Clara-Park: Junge Leute lehnen am Geländer, trinken Flaschenbier und genießen das Nichtstun. Die meisten von ihnen studieren an der Uni. Die hat in den letzten Jahren einen echten Boom erlebt, ist beliebt bei Abiturienten aus dem Westen und dem Osten Deutschlands. Spielt es da noch eine Rolle, woher man kommt?

Für Johanna, 25, spielt das keine Rolle. Aber sie weiß, dass es für viele Gleichaltrige durchaus ein Thema ist.

"Ich fühle mich nicht wie ein Ossi, aber ich glaube das machen viele noch, auch in unserer Generation. Was ich total schade finde."
Johanna, 25

Johanna hat aber trotzdem ein Problem mit ihrer Herkunft: Sie kommt nämlich aus Bautzen. Viele verbinden die ostdeutsche Stadt mit den Ausschreitungen Rechtsextremer, die 2016 Asylbewerber geprügelt und durch die Stadt gejagt hatten. Die Vorfälle waren in den Schlagzeilen, und das wirkt nach, meint Michael Lühmann vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Denn es stigmatisiere automatisch auch diejenigen, die damit nichts zu tun haben oder sogar gegen Rechtsextremismus eintreten.

"Wir müssen anerkennen, dass im Osten Deutschland bis zu 80 Prozent der Menschen demokratische Parteien wählen. Und da ist das Urteil des rechtsextremen Ossis etwas, wo sich auch die zurückgesetzt fühlen, die aktiv in Ostdeutschland gegen rechtsextreme Strukturen kämpfen."
Michael Lühmann, Göttinger Institut für Demokratieforschung

Wer einfach in eine Schublade gesteckt wird, nur weil er aus dem Osten kommt, der könnte sich denken: "So wie ihr uns seht, uns Ostdeutsche, stimmt das nicht." Und so kann es passieren, dass sich plötzlich junge Leute wieder als Ossis sehen - aus Trotz oder Solidarität. Das belegt auch eine Studie der Humboldt Universität Berlin.

Abgrenzung vom Westen

Um sich als Ossi zu fühlen braucht es aber nicht immer die Debatte um Rechtsextremismus im Osten. Unterschiede gibt es für viele auch, weil sie schlicht anders aufgewachsen sind - oder das zumindest meinen. Robert beispielsweise, der mit seinem Freund auf der Sachsenbrücke sitzt, sagt: "Die Erziehung ist halt komplett unterschiedlich und dieser Gemeinschaftssinn. Das darf man nicht unter den Teppich kehren." Auch im Arbeitsleben gebe es Unterschiede: Leute aus dem Osten seien weniger selbstbewusst im Job, meint er.

"Du erkennst das an der Art und Weise, an dem Selbstbewusstsein, an dem Anspruch Führungspositionen übernehmen zu wollen. Das ist ja auch bundesweit ein Problem. Da lässt man den Ossi einfach nicht ran."
Robert

Wer sich als Ossi identifiziert, grenzt sich vom Westen ab - und findet immer auch Punkte, die im Osten besser als im Westen laufen. Einen Grund, warum das bei jungen Leuten wieder häufiger vorkommt, kennt Hendrik Berth. Er ist Psychologe und Professor an der TU Dresden und hat sich mit den Auswirkungen der Wende beschäftigt. Im Nachhinein, meint er, wird vieles verklärt.

"Wir haben ein Phänomen, dass die DDR mit jedem Jahr, in dem sie nicht mehr existiert, immer besser wahrgenommen wird, Dinge positiver erlebt werden, als sie damals waren und auch weitergegeben werden. Vielleicht auch als typisch ostdeutscher Wert, den es zu erhalten gilt."
Hendrik Berth, Psychologe an der TU Dresden

Jacob beispielsweise sagt, er ist Ossi mit ostdeutschen Tugenden. Er ist 26 und in Belgien aufgewachsen. Aber seine Mutter - eine Magdeburgerin - habe ihn ostdeutsch erzogen. Das bedeutet für ihn etwa, dass er gelernt habe, Sachen nicht einfach wegzuschmeißen, sondern sie zu reparieren. Sein Freund Kilian versteht das nicht: "Also ich komm aus Staßfurt in Sachsen-Anhalt und ich würde mich selbst überhaupt nicht als Ossi bezeichnen." Diese Klassifizierung kenne er nur noch von seinen Großeltern, sagt er.

Was also jeder Einzelne als "typisch ostdeutsch" empfindet und was nicht, das ist durchaus unterschiedlich. Und das sei auch kein Wunder, meint Demokratieforscher Michael Lühmann: "Man hat zwar eine gemeinsame geteilte Geschichte", sagt er. Aber es gebe auch im Osten politisch-kulturelle Unterschiede, etwa im Norden und im Süden oder auch von Stadt zu Stadt.