Trotz harter Corona-Maßnahmen steigen die Infektionszahlen in Frankreich. Mit einem mathematischen Modell lässt sich diese Entwicklung vielleicht beschreiben.

Frankreich hatte während des Corona-Lockdowns europaweit mit die strengsten Regeln zum Infektionsschutz, auch weil das Gesundheitssystem wegen der vielen Fälle örtlich überlastet war. Noch vor wenigen Monaten galten unter anderem die folgenden Vorschriften: maximal eine Stunde auf die Straße, höchstens einen Kilometer von zu Hause entfernen. Mehr als 30.000 Corona-Opfer beklagt das Land bislang (Stand 7. September 2020).

Steigende Infektionszahlen trotz Lockdown

Der Lockdown ist Geschichte, nun aber steigen die Zahlen wieder an. Mittlerweile gelten 28 der 100 Departments in Frankreich als Rote Zonen, wo die Behörden besondere Maßnahmen gegen das Virus veranlassen können (Stand 07.09.2020).

Der Virologe Christian Drosten glaubt, die sogenannte Perkolation könnte eine mögliche Erklärung dafür sein (nachzulesen im Transkript seines Podcasts). Perkolation ist ein mathematisches Modell, das sich auf viele Phänomene übertragen lässt.

Perkolation, Covid-19 und Kaffee

Auf Kaffeekochen beispielsweise: Wenn kochendes Wasser bereits im Filter ist, passiert zunächst mal nichts – das Kaffeepulver quillt im Filter nur auf. Erst mit einer Verzögerung läuft dann irgendwann der Kaffee durch, und zwar, wenn sich genug Hohlräume mit Wasseransammlungen gebildet und miteinander verbunden haben, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Christina Satori.

"Dabei bilden sich an mehreren Stellen kleine Hohlräume, wo sich das Wasser sammelt. Wenn viele Hohlräume miteinander verbunden sind – dann erst tröpfelt der Kaffee in die Kanne."
Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin

Auf die Corona-Pandemie übertragen: Die Hohlräume sind mit sogenannten Clustern vergleichbar, also mehreren Infektionen an einem Ort, in einer Situation. Das können Familienfeiern sein, eine Wohngemeinschaft, ein Betrieb. Wenn mehrere solcher Cluster entstehen, dann steigt eben auch das Risiko, dass unter diesen Orten und Situationen Verbindungen entstehen.

"Wenn es eben eine höhere Zahl von Clustern gibt, dann bekommt das eine andere Dynamik, dann gibt es plötzlich an vielen Orten viele Fälle. So wie der Kaffee plötzlich in die Kanne läuft."
Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin

Das könnte eine Erklärung für das Infektionsgeschehen in Frankreich sein, sagt Christina Sartori – dafür, dass trotz der immer noch geltenden Maßnahmen in Frankreich seit August die Infektionszahlen wieder so deutlich steigen.

Auf die Frage, warum sich dieses Muster nicht auch in Deutschland wiederholt, gebe es im Moment noch keine befriedigende Antwort, sagt die Wissenschaftsjournalistin.

Statistik braucht Zeit

Die Zahl der Neuinfektionen ließe sich aber nicht auf täglicher Basis bewerten. Die Infektionszahlen müssten über Wochen hinweg beobachtet werden. Für Deutschland lasse sich im Moment festhalten, das recht viele Infektionen bei Menschen unter 50 Jahren aufträten. Diese haben tendenziell mehr Kontakte mit anderen Menschen als Ältere.

Die unter 50-Jährigen zeigen häufig nur schwache Symptome oder gar keine. Eventuell realisieren Betroffene nicht, dass sie Covid-19 haben. Diese Entwicklung könne nun dazu beitragen, dass sich das Virus stärker verbreitet, als man derzeit an den Infektionszahlen ablesen kann, sagt Christina Sartori.

"Sicherheitshalber sollte man sich an die AHA-Regeln halten – und nach dem einem größeren Treffen nicht direkt zum nächsten gehen."
Christina Sartori, Wissenschaftsjournalistin
Nach dem Lockdown: Besucherinnen auf dem Eiffelturm am 26.06.2020
© imago images | Hans Lucas | Osã Bouzas
Nach dem Lockdown: Besucherinnen auf dem Eiffelturm (26.06.2020)