Polen baut derzeit im Grenzgebiet zu Belarus eine Mauer. Sie soll geflüchtete Menschen daran hindern, auf diesem Weg in die EU zu kommen. Hilfsorganisationen haben den Bau der Mauer verurteilt, es gibt aber auch von anderer Seite scharfe Kritik: von polnischen Naturschützern.

Die geplante Mauer soll auf einer Strecke von 187 Kilometern entlang der Grenze zu Belarus verlaufen - mitten durch den Białowieża-Nationalpark. Der Wald im Nationalpark gilt als einer der letzten großen und relativ intakten Urwälder in Europa. Er ist Unesco-Weltkulturerbe und liegt zum Teil auf polnischen und zum Teil auf belarussischem Gebiet.

Im Nationalpark leben mehr als 12.000 Tierarten, zum Beispiel Wisente, also europäische Bisons, Braunbären, Wölfe, Luchse und viele andere Wildtiere. Die Wildtierforscherin Katarzyna Nowak von der Universität Warschau hat zusammen mit zwei Kollegen darüber auf dem auf dem Wissenschaftsportal "The Conversation" geschrieben: Die Sorge der Forschenden ist, dass viele der Tiere die geplante Mauer nicht mehr überwinden können.

"Viele dieser Wildtiere werden die Mauer – von der erste Fundamente offenbar schon gelegt sind – nicht überwinden können."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Die neue Grenzmauer soll eine fünfeinhalb Meter hohe Stahlkonstruktion werden. 50.000 Tonnen Stahl sollen darin verbaut werden. Außerdem soll Stacheldraht Menschen darin hindern, über die Mauer zu klettern. Das Ganze wird mit Sensoren und Kameras ausgestattet – und auch beleuchtet.

Für die Tiere im Wald ist die Mauer in verschiedener Hinsicht problematisch: Sie kann zu einer Falle werden, weil Tiere sich darin verfangen. Andere Tiere werden durch die Mauer einfach aufgehalten. In der Folge können sie verdursten, wenn sie durch die Barriere etwa von ihrer Wasserstelle getrennt werden.

Mauern und Zäune beeinträchtigen Artenschutz

Bei größeren Bauwerken, wie etwa Autobahnen, werden meist Tunnel oder Grünbrücken eingeplant, damit Tiere das von Menschen gebaute Hindernis überwinden können. Dieser Aspekt sei überhaupt nicht mitgedacht, sagen die polnischen Wildtierforscher*innen, die sich seit Jahrzehnten mit der Tier- und Pflanzenwelt im Białowieża-Urwald befassen.

"Für den Artenschutz ist es jedoch extrem wichtig, den Lebensraum von Tieren und Pflanzen grenzüberschreitend zu betrachten und zu schützen, auch weil die Habitate weltweit sowieso immer kleiner und zerstückelter werden", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Verena von Keitz. Und sogar für Vögel kann eine massive Mauer zur Sackgasse werden: "Einige Vogelarten fliegen nicht besonders hoch, in Białowieża sind das zum Beispiel Rauhfußhühner."

"Ein Problem ist auch, dass viele Arten sich wegen des Klimawandels neue Lebensräume suchen und weiterwandern müssen – daran werden sie aber durch so eine Barriere gehindert."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Polen ist nicht das erste Land, dass seine Grenze gegen Einwanderung mit einer Mauer abschottet. Seit etwa 15 bis 20 Jahren werden überall auf der Welt immer mehr Ländergrenzen mit Zäunen oder Mauern abgeriegelt, hat vor fünf Jahren eine internationale Studie gezeigt. Artenschützer und Tierforscherinnen kritisieren seit langem, dass die Auswirkungen, die das auf Wildtiere hat, ignoriert werden.

In Bezug auf die Grenze im Białowieża-Nationalpark erwähnen die Forschenden, dass es möglich sei, die Auswirkungen der Grenzbarriere abzumildern. Dafür müssten die Zäune allerdings anders konzipiert sein, und man müsste untersuchen, welche Arten und Lebensräume durch ein solches Hindernis besonders bedroht sind. Bisher seien die ökologischen und sozialen Folgen der neuen Grenze jedoch kaum untersucht worden.