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Noch laufen die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Täter, der in Idar-Oberstein einen jungen Kassierer erschossen hat, der ihn aufgefordert hatte, die Maskenpflicht zu beachten. Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und hat das Twitterprofil des mutmaßlichen Täters analysiert. Dort findet sich vieles, was zur Querdenker-Szene passt.

Durch die Aufforderung, einen Mundschutz aufzuziehen, werde niemand zum Mörder. "Das ergibt nur Sinn, wenn die Maske für mehr steht", sagt die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl. In den letzten Monaten sei genau dies geschehen: Die Maske wurde hochpolitisch aufgeladen und in Querdenkerkreisen zum Symbol einer vermeintlichen Diktatur. Das habe zu Radikalisierungen beigetragen. So könnte es auch beim mutmaßlichen Täter gewesen sein.

"Das Twitterprofil ist voll von Verschwörungsdenken, voll von Hass auf Linke, auf Frauen, auf die Klimaschutzbewegung und voll von Rassismus. Eine Hassfigur ist vor allem Greta Thunberg."
Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Publizistin

Natascha Strobl hat sich das Twitterprofil des mutmaßlichen Täters angesehen. Die letzten Einträge sind allerdings von 2019. Dennoch: Das Profil ist voll von verschwörungstheoretischem Denken. Vor allem gegen die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hat der mutmaßliche Täter regelmäßig hasserfüllte Tweets gesendet.

Keine monokausale Ursachen für solche Taten

Auch wenn das Twitterprofil mit diesem Denken verknüpft ist und die Maske ein politisches Smbol geworden ist, ist sich die Politikwissenschaftlerin aber sicher: Den einen einzigen Grund gibt es nie bei solchen Taten. Deshalb gebe es Kriminalpsycholog*innen. Allerdings warnt sie auch davor, nur die individuelle Ebene zu betrachten.

"Es gibt bestimmt individuelle Triggerpunkte, die in der Biographie und den persönlichen Umständen eines Täters liegen. Wir dürfen aber auch nicht die größere politische Ebene außer Acht lassen."
Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Publizistin

Denn klar ist bisher: Der Täter wollte mit dem Schuss ein Zeichen setzen – gegen die Corona-Maßnahmen, gegen die Einschränkungen der letzten Monate. Damit ist die Tat nach Meinung der Politikwissenschaftlerin unbedingt auch an die gesellschaftlichen und somit politischen Umstände geknüpft.

Querdenker-Rhetorik trage zu Radikalisierung bei

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Anhängerinnen und Anhänger der sogenannten Querdenker-Szene zu einer solchen Tat bereit seien oder ein derartiges Maß an Gewaltbereitschaft in sich tragen.

Aber: Die Rhetorik der Szene und die Politisierung der Maske als Zeichen einer Diktatur tragen dazu bei, dass sich immer mehr Menschen radikalisieren und eher dazu bereit sind, Gewalt anzuwenden, so die Politikwissenschaftlerin.

"Die Logiken die dahinterstehen, sind Logiken des Rechtsextremismus: der Gewalt, der Ungleichheiten. Das ist Verschwörungsdenken."
Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Publizistin

Für sie zählt die Szene aufgrund ihrer Rhetorik und ihren Überzeugungen zu einem neuen, gewandelten Rechtsextremismus.

Denn zum Verschwörungsdenken gehöre auch immer ein inneres antisemitisches Denken. Das Gedankengut in der Querdenker-Szene werde oft mit rassistischen, misogynen und anti-intellektuellen Überzeugungen verknüpft. Hinzu komme außerdem oft eine Mystifizierung der Natur und sozialdarwinistischen Logiken, die schon immer Teil der rechtsextremen Szene waren.

Führungspersonen kommen zum Teil aus rechtsextremer Szene

Das lässt sich auch an einigen Führungspersonen der Szene erkennen. Ein Teil von ihnen komme direkt aus der organisierten rechtsextremen Szene, andere aus der rechten Influencer*innen-Szene. Die These von Natascha Strobl: Der Rechtsextremismus ist zwar nicht mehr so wie er einmal war – doch das bedeutet nicht, dass er nicht mehr da ist.