Innerhalb der Polizei gibt es nach einer nicht repräsentativen Studie von Bochumer Wissenschaftlern Hinweise auf Rassismus. Wie man zu diesem Ergebnis kommt, erklärt Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie - einer der Autoren der Studie.

Für die Studie "Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamte" wurden in den vergangenen drei Jahren 3370 Menschen befragt und 63 Experteninterviews durchgeführt. Im Fokus der Untersuchung: rechtswidrige polizeiliche Gewalt.

Die Studie legt das Augenmerk also nur auf einen Teilbereich der Polizeiarbeit und könne schon aus diesem Grund nicht repräsentativ sein, betont Mit-Autor Tobias Singelnstein. Dennoch hält er die Ergebnisse für aussagekräftig genug, um von einem "Rassismus in der polizeilichen Arbeit" zu sprechen.

"Ich glaube, man kann schon sagen, dass wir sehr deutliche Hinweise in unseren Daten darauf finden, dass es nicht zufällig ist, dass diese Diskriminierung und dieser Rassismus in der polizeilichen Arbeit zu finden sind, sondern dass das auch mit der Organisation der Polizei und ihren Strukturen zu tun hat."
Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum

Die Studie der Bochumer Wissenschaftler ging vor allem folgenden Fragen nach:

  • Wie unterscheiden sich die Polizei-Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color von denen weißer Menschen?
  • In welchen Situationen hatten sie mit polizeilicher Gewalt zu tun? Was sagen Polizisten und Polizistinnen selbst zu polizeilicher Gewalt?
"Es gibt ja im Prinzip eine Vielzahl von Diskriminierungsgründen. Das kann sein: Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Kleidung, politische Einstellung."
Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum

In der Studie werden die Begriffe von Personen mit Migrationshintergrund und People of Color dabei so definiert:

  • Eine Person hat laut Statistischem Bundesamt einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.
  • Als People of Color (PoC) bezeichnen sich Personen, die von Rassismus betroffen sind. Es geht dabei nicht allein um eine nicht weiße Hautfarbe. Vielmehr soll der Begriff verdeutlichen, dass es eine systematische Ausgrenzung und Abwertung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft gibt.

48 Prozent der befragten People of Color gaben an, dass "die tatsächliche oder vermeintliche ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit" aus ihrer Sicht der entscheidende Grund für die Polizeigewalt war, berichtet Tobias Singelnstein. Das sagten auch 42 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund - aber nur 31 Prozent derjenigen ohne Migrationshintergrund meinten, dass Diskriminierung der Grund für die Polizeigewalt war.

Unterschiedliche Erfahrungen

Die Situationen, in denen die Befragten mit Polizeigewalt zu tun hatten, unterschieden sich ebenfalls: Bei den People of Color waren es häufiger Routineeinsätze - zu diesen Einsätzen zählten die Wissenschaftler Verschiedenes, von Personenkontrollen bis zur Hausdurchsuchung. Weiße Menschen erlebten polizeiliche Gewalt hingegen häufiger bei Großeinsätzen, etwa bei Demonstrationen oder Fußballspielen.

"Auch die Polizisten und Polizistinnen, die wir befragt haben, berichten uns von bewussten intendierten rassistischen Handlungen und Einstellungen von Kolleginnen und Kollegen."
Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum

Die befragten Polizisten und Polizistinnen selbst berichteten in der Studie davon, dass sie zum Teil rassistische Handlungen bei Kolleginnen und Kollegen beobachten. Erklärt wird das Verhalten oft mit vermeintlichem Erfahrungswissen: Man wisse, welche Gruppen Probleme machten, auffällig seien usw. "Das Problem fängt dann an, wenn sich in diesem Erfahrungswissen Stereotype und Vorurteile wiederfinden, die sich dann im dienstlichen Handeln niederschlagen können", sagt Tobias Singelnstein.

Polizeiliche Strukturen begünstigen Rassismus und Gewalt

Dass es also Hinweise auf rassistisches Verhalten von Polizeibeamtinnen und -beamten gibt, würde Tobias Singelnstein bejahen. Wie groß das Problem sei, könne er aufgrund der Studie aber nicht sagen. Und er betont: Es ist in seiner Sicht nicht so, "dass die Polizei in Gänze so wäre oder absichtlich so handeln würde". Aber es hinge mit der "Organisation, der Tätigkeit, den Rechtsgrundlagen, der Kultur und Fehlerkultur" der Polizei zusammen, dass Rassismus dort auftreten könne.