Eine Corona-Erkrankung kann lebensgefährlich sein, das wissen wir. Die Erkrankung - und auch die Pandemiesituation an sich - können aber auch die Psyche in Mitleidenschaft ziehen. Wie, das hat die Uni Duisburg-Essen in einer der weltweit größten Studien dazu untersucht. Wir haben mit dem Studienleiter gesprochen.

Atemnot, Fieber, Husten, Schnupfen, Geschmacksverlust. Das sind die Corona-Symptome, die wir kennen. Doch es gibt noch ein anderes Problem: die Corona-Angst. Die kann krank machen – und zwar auch die Menschen, die überhaupt kein Covid-19 hatten. Das zeigt eine großangelegte Studie der Uni Duisburg-Essen: In verschiedenen Einzelstudien während der Pandemie wurden in Deutschland 30.000 Menschen befragt – darunter auch Corona-Leugner und solche, die schwer an Covid-19 erkrankt sind.

Angst – nicht nur vor Corona

Die Furcht vor Corona ist gestiegen vom erstem Lockdown bis zum Frühjahr 2021, sagt Martin Teufel. Der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen hat die Studie geleitet. Zum einen habe das damit zu tun, dass immer mehr Menschen Freunde, Bekannte und Verwandte hatten, die an Corona erkrankt – und vielleicht sogar verstorben – waren.

"Es war nicht mehr 'nur' die Furcht vor dem Virus, sondern ein tägliches Sorgen um verschiedenste Themen."
Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen

Zum anderen habe sich die Covid-Furcht aber auch quasi generalisiert. Viele Menschen hätte sich durch die vermehrte Angst beeinflusst gefühlt und so hätte die Angst den Alltag mitbeherrscht. Es sei also nicht mehr „nur“ die Furcht vor dem Virus oder vor einer Infektion gewesen, sondern ein vermehrtes Grübeln und eine vermehrte Schreckhaftigkeit, ein tägliches Sorgen um verschiedenste Themen.

Generalisierte Angststörung

Bei etwa 40 bis 50 Prozent der befragten Menschen seien diese Ängste erhöht gewesen, sagt Teufel – und bei etwa sieben bis acht Prozent sehr stark ausgeprägt. Normalerweise liege dieser Wert in der Bevölkerung bei etwa drei bis vier Prozent.

Menschen, die schwerer an Covid-19 erkrankt waren, die also auch stationär und intensivmedizinisch behandelt werden mussten, hatten danach ein deutlich erhöhtes Stressempfinden, sagt Martin Teufel. Außerdem seien sie depressiver und ängstlicher gewesen. Nach im Schnitt etwa hundert Tagen hätten sich teilweise sogar Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung eingestellt.

Posttraumatische Belastungsstörungen

Menschen, die sich in einer Extremsituation befunden hätten – ausgeliefert und hilflos auf der Intensivstationen, oft ohne Kontakt zu den engsten Angehörigen – hätten dann im weiteren Verlauf der Erkrankung eine posttraumatische Folgesymptomatik entwickelt.

"Bei 25 Prozent der schwerer Erkrankten haben wir eine posttraumatische Folgesymptomatik beobachtet."
Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen

Und das, nachdem sich die Patientinnen und Patienten körperlich wieder stabilisiert hatten und teilweise auch schon in der Reha waren. Das sei nicht selten aufgetreten, sondern bei 25 Prozent, also einem von vier Fällen der schwerer Erkrankten.

Belastung auch bei Corona-Zweiflern

Überraschenderweise hätten auch die sogenannten Corona-Zweifler eine psychische Belastung durch die Pandemie erlebt, sagt Teufel. Die Angst vor einer Infektion sei ähnlich hoch ausgeprägt gewesen wie bei den Nicht-Zweiflern.

"Eine Corona-Furcht bestand bei den Leugnern trotz aller Ablehnung von Hygienemaßnahmen."
Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen

Noch erstaunlicher sei gewesen, dass die Skeptiker sogar von einem noch höheren Stress und einer noch höheren Depressivität berichtet hätten als die Allgemeinbevölkerung. Teufel erklärt sich das teilweise durch das Verleugnen und Verschieben – das seien Abwehrmechanismen, die unsere Psyche stabilisieren. Diese Mechanismen hätten die Ängste aber quasi nur im Zaum gehalten, also unter der Oberfläche. Wenn ich davon ausgehe, eine bestimmte Erkrankung oder ein bestimmtes Virus gibt es gar nicht, dann muss ich theoretisch auch keine Angst davor haben. Theoretisch.

Die gute Nachricht der Studie, sagt Teufel: Die Ergebnisse legen nahe, dass wir in Deutschland eigentlich ganz gut mit der Situation umgegangen sind. Wir hätten zwar mehr generalisierte Ängste und fühlten uns mehr gestresst. Dass aber tatsächlich die Diagnose-Schwelle einer Depression oder einer Angsterkrankung überschritten wurde, sei nur in wenigen Fällen zu beobachten gewesen.