Islamisten können sich von ihrer Radikalität lösen. Mehrere Spezialisten müssten über jeden einzelnen Fall entscheiden, sagt der Psychologe Ahmad Mansour.

Am 02.11.2020 sind bei einem Anschlag in Wien vier Menschen getötet worden, mehrere Opfer wurden verletzt, manche von ihnen schwer. Der mutmaßliche Attentäter sympathisierte mit der Terrormiliz Islamischer Staat und hatte 2018 versucht, nach Syrien auszureisen. Nur knapp ein Jahr vor dem Anschlag wurde der Mann vorzeitig aus der Haft entlassen, zu der er wegen der versuchten Ausreise und des versuchten Anschlusses an den IS verurteilt worden war.

In Europa gibt es eine Reihe vergleichbarer Fälle bei denen islamistische Terroristen als ungefährlich eingestuft worden sind. Die Menschen, die diese Bewertung vornehmen, träfen Entscheidungen von enormen Tragweite, sagt Ahmad Mansour. "Das ist eine riesige Verantwortung, sowas zu schreiben oder zu attestieren", sagt der Psychologe und Islamismusexperte. Er begleitet und beobachtet islamistische Gefährder bei der Entradikalisierung.

Islamisten in Haft: Entlassung als Ziel

Erschwert werde diese Aufgabe dadurch, dass die Radikalisierten ihre Vorstellungen von Terror und Gewalt gerne umsetzen möchten und auf ihre Entlassung gezielt hinarbeiten.

"Die Leute haben ein Interesse vorzeitig entlassen zu werden, damit sie auch ihren Terror und ihre Gewalt ausleben können."
Ahmad Mansour, Psychologe und Islamismusexperte

Hinzu komme, dass die Bereitschaft und die Fähigkeit zu täuschen bei dieser Gruppe besonders ausgeprägt sei. Für diese Manipulationsbereitschaft gebe es recht eindeutige wissenschaftliche Belege.

"Viele Terroristen, radikalisierte Jugendliche, haben einen ausgeprägten Machiavellismus, die Fähigkeit zu manipulieren."
Ahmad Mansour, Psychologe und Islamismusexperte

Auch deswegen müssten stets mehrere Behörden und mehrere Spezialisten eine Entradikalisierung bestätigen. Bei der Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen und Erwachsenen gebe es noch Spielraum für Professionalisierung.

Das sei eine Aufgabe für Spezialisten, die solche Biografien bereits begleitet haben. Das müssten Psychologinnen und Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden sein, die mit dem Thema Radikalisierung Erfahrung gesammelt haben.

Nachweis von Ausstiegsbemühungen

Die Beobachtung durch die Sicherheitsapparate müsse sich nach der Entlassung über mehrere Wochen hinziehen. Es müsse eine wirkliche Verhaltensänderung zu beobachten sein.

Für Ahmad Mansour bestätigen die folgenden Kriterien Ungefährlichkeit: Es dürfe keine emotionale Nähe zur Ideologie mehr vorhanden sein. An ihrer Stelle sollten nachweislich Distanzierungs- und Ausstiegsbemühungen getreten sein.