Minderwertig, zu wenig Muskeln, zu schiefe Nase, zu klein ... Wir alle kennen Komplexe und wissen, wie hinderlich sie im Leben sein können. Woher kommen sie überhaupt und was können wir dagegen tun? 

Komplexe sind von Anfang an in uns angelegt, erklärt der Therapeut und Autor Daniel Reinemer. Man könne sich das wie Ordner vorstellen, die schon angelegt und beschriftet sind, wenn wir noch ganz klein sind: 'Vater', 'Mutter' oder 'Selbstwert' steht da zum Beispiel drauf. 

Komplexe sind in jedem angelegt

Diese Ordner werden im Laufe unseres Lebens mit Erfahrungen gefüllt. Wenn euch zum Beispiel immer wieder jemand sagt, ihr versteht Mathematik nicht, dann sammeln sich diese Episoden in dem Ordner 'Matheverständnis'. Und wenn ihr wirklich mal eine Aufgabe nicht lösen könnt, kommt diese Geschichte dazu. Und wenn der Ordner voll genug ist, dann fühlt, denkt und seht ihr nur noch, was da drin ist, beschreibt Reinemer die Entstehung von Komplexen.

"Wenn ein Mensch sehr viele von diesen Episoden erlebt, kann es sein, dass er als Erwachsener eine Brille auf hat, die 'Minderwert' heißt."
Daniel Reinemer, Therapeut

Psychologisch betrachtet gibt es also eigentlich niemanden, der keine Komplexe hat, sagt Reinemer. Die Frage sei nur, wie groß sie sind. Wenn sie stark ausgeprägt sind, können sie unser ganzes Leben stark beeinflussen. 

Kinder haben ein natürliches Minderwertigkeitsgefühl

Beispiel Minderwertigkeitskomplex, einer der häufigsten Komplexe: Als Kinder haben wir alle ein natürliches Minderwertigkeitsgefühl, erklärt der Therapeut, da wir in einer Erwachsenenwelt leben und erst mal ganz viel nicht können. Wenn Eltern oder das Umfeld das nicht abfedern oder gar befördern, etwa zu viel tadeln oder selbst keine Schwäche zeigen, könne hier eine Basis für einen Minderwertigkeitskomplex gelegt werden. 

Komplexe bestimmen die Wahrnehmung

Im Erwachsenenalter bestimmt dieser Komplex dann unsere Interpretation von Situationen. Ein Beispiel: Ein Paar hat immer wieder Zoff wegen der Zahnpastatube. Der eine vergisst ständig, den Zahnpastadeckel draufzuschrauben, einfach so. Sein Freund denkt aber: Er macht das, weil er mich nicht wahrnimmt! Der erste Schritt wäre, so Reinemer, sich zu fragen: Warum reagiere ich so? Warum glaube ich, der andere nimmt mich nicht wahr? Also: Geht es hier eigentlich wirklich um eine Tube oder eigentlich um was ganz anderes? Nur, wenn wir erkennen, dass es hier um den Selbstwert geht, erklärt er weiter, haben wir die Möglichkeit, die Situation zu verstehen, dieses Wissen in unser Denken und Handeln zu integrieren und etwas für unseren Selbstwert und unsere Ich-Stärke zu tun. 

Der Trick: sich den Komplexen stellen

Um sie loszuwerden, müssen wir uns unsere Komplexe anschauen, rät Reinemer. Wen wir zum Beispiel Angst haben, in der Öffentlichkeit zu sprechen, sollten wir uns fragen, welches Thema dahinter steckt: "Was sagt die Angst? Was will sie? Was hat sie für einen Ausdruck?" Wenn man die Angst nur auf die Situation schiebe (nach dem Motto: "Klar hat man Angst, in der Öffentlichkeit zu sprechen!"), verpasse man eine Chance. 

"Nur, weil wir es ignorieren, ist es nicht weg! Sondern es bleibt in unserer psychischen Struktur und hat Einfluss."
Daniel Reinemer, Therapeut

Allerdings: In manchen Fällen kann es auch sinnvoll sein, nicht hinzuschauen, räumt Reinemer ein. Zum Beispiel, wenn jemand mit dem zugrunde liegenden Thema nicht zurechtkommt, etwa wenn ein Trauma die Basis für einen Komplex ist. Dann könne das Ignorieren auch helfen. 

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