Viele Flüchtlinge in Deutschland sind psychisch erkrankt, doch nur wenige Therapeuten hierzulande sprechen ihre Sprache. Um den Betroffenen dennoch psychologische Hilfe zu ermöglichen, bildet die International Psychosocial Organisation Berater aus, die selbst geflüchtet sind.

Krieg, Gewalt, Flucht und in einer fremden Kultur wieder bei Null anfangen: Laut einer Studie der Bundes-Psycho-Therapeutenkammer von 2015 ist mindestens die Hälfte der Flüchtlinge in Deutschland psychisch krank. Meistens leiden sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression. Doch eine entsprechende Therapie scheitert oft schon an der Sprachbarriere. Die International Psychosocial Organisation (IPSO) hat sich auf die psychosoziale Beratung und psychische Gesundheitsversorgung spezialisiert. Damit Betroffene Hilfe bekommen, bildet die Organisation in Berlin Berater aus, die selbst geflüchtet sind.

Viele Menschen sind einsam

Zu den Beratern gehört auch der Syrer Homan. Seit einem Jahr arbeitet der 22-Jährige bei der IPSO. In seiner Heimat hat Homan Psychologie studiert, hier bei IPSO kann er jetzt nicht nur sein Wissen einsetzen, sondern hat auch seinen ersten bezahlten Job in Deutschland gefunden: Als psycho-sozialer Berater für Flüchtlinge. Der 22-Jährige weiß, was Flucht bedeutet und was Betroffene häufig quält: die Vergangenheit, das Gefühl, in Deutschland nicht wilkommen zu sein oder auch Einsamkeit.

"Die Vergangenheit, die die Person immer noch belastet. Manche werden aggressiv, weil sie sich unwillkommen fühlen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Und viele leiden unter Einsamkeit."
Homan, Berater bei der International Psychosocial Organisation IPSO

Begleitet werden die Flüchtlingsberater während der einjährigen Ausbildung von der Soziologin und Heilpraktikerin Isabelle Azoulay. Sie sagt, wichtiger als die gemeinsamen Fluchterfahrungen, sei die gemeinsame Sprache. Über die fließe dieselbe Kultur und ein vertrautes Wertesystem ein. Kulturelle Sensibilität sei entscheidend, denn Scham, Trauer und die Familie seien bedeutende Aspekte, die sich in anderen Kulturen komplett anders gestalten.

"Scham und Trauer sind wichtige Aspekte. Aber auch die Familie gestaltet sich in anderen Kulturen komplett anders. Das ist notwendig, das sehr gut zu kennen."
Isabelle Azoulay, International Psychosocial Organisation IPSO

Oft müssen die psychologischen Helfer Brücken zwischen den Kulturen bauen. Homan betreut unter anderen einen 16-jährigen Syrer. "Die Eltern versuchen weiter so zu leben wie in Syrien, aber die Kinder versuchen, ihren eigenen Weg hier zu finden", erzählt Homan – zum Beispiel mit neuen Freunden, die ganz selbstverständlich Alkohol trinken, kiffen oder auf Parties gehen. Homam muss dann beim Kultur-Clash zwischen zwei Generationen vermitteln. Die Eltern hätten oft Angst, dass die Familie zerfällt und ihre Werte verloren gehen. "Woran wir dann arbeiten ist: Welche Werte will ich behalten und was kann ich vielleicht ein bisschen verändern?", so Homan.

Oft reicht schon reden

Zum Konzept von IPSO gehört auch, dass Berater und Klient nicht nur denselben kulturellen Background, sondern auch dasselbe Geschlecht haben. Die 34-jährige Manal stammt selbst aus Damaskus und berät als Frau bei IPSO ausschließlich syrische Frauen. Sie sagt: "Es ist einfacher, wenn man von Frau zu Frau und von Mann zu Mann spricht. Gerade in dieser Kultur öffnen sich Frauen anderen Frauen gegenüber einfach viel mehr."

Bei Sucht-, Suizidgefäfährdung und schweren posttraumatischen Belastungsstörungen stößt die Beratung allerdings an ihre Grenzen. Eine professionelle psychotherapeutische Behandlung können die Gespräche nicht ersetzen. Aber nicht jeder Flüchtling braucht gleich einen Therapeuten. Generell geht es bei IPSO erstmal darum, den Flüchtlingen klar zu machen, dass man ein Ohr für ihre Probleme hat. Manchmal hilft schon reden.

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