Ist es richtig, dass der Mensch die Natur nach seinen Wünschen verändert, nur weil er es kann? Geht nicht Tierwohl vor Zucht? Für die Philosophin Rita Molzberger dreht es sich bei Zucht letztlich um die Frage: Wollen und brauchen wir das? Und: Wollen wir so leben?

Die Eingriffe des Menschen in die Natur sind allgegenwärtig: Kulturlandschaften, Landwirtschaft, Hundezucht. Weil die Eingriffe so alltäglich sind, nehmen wir sie als solche gar nicht mehr war. Bei der Qualzucht wird aber eine Grenze überschritten, die viele Menschen nicht mehr mittragen wollen. Denn die Tiere sind so gezüchtet, dass sie kein normales Leben mehr führen können.

Jüngstes Beispiel das Araber Hengstfohlen El Rey Magnum: Riesige Augen und eine ganz schmales Maul. Damit ähnelt der Kopf einem Seepferdchen und das finden viele Menschen in den USA schön. Tierärzte fürchten, dass El Rey Magnum durch die gezüchtete Deformation des Schädels nicht genug Luft bekommt.

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Daneben gibt es viele andere Beispiele für Qualzuchten. Den Mops zum Beispiel, der ebenfalls Atemprobleme durch die Kurzköpfigkeit hat, genauso wie die Perserkatze oder die englische und französische Bulldogge. Aber auch Nackthunde oder Nacktkatzen fallen in die Kategorie Qualzucht.

Grenzüberschreitung des Menschen: Können heißt nicht sollen

Die Philosophin Rita Molzberger sieht darin eine Grenzüberschreitung des Menschen. Denn nur weil der Mensch die Natur beeinflussen und verändern kann, heißt es nicht, dass er es auch tun soll. So kann es durchaus legitimiert sein, durch Auswahlzucht bestimmte störende Faktoren bei Früchten oder Tieren wegzuzüchten.

Mit der frühen Botanik, so die Philosophin, hat der Trend eingesetzt, beispielsweise Rosen nach einem bestimmten Schönheitsideal zu züchten. 

"Zwischen 1750 und 1860 war es total en vogue rumzuprobieren. Man hat den Bausatz gefunden, wie Natur funktioniert."
Rita Molzberger, Philosophin

Die Forschung hat dem Menschen neue Erkenntnisse über die Natur beschert und die wollte er auch anwenden, ausprobieren und weiter den Wissenstrieb stillen. Dabei haben sich die Philosophen in all den Jahren weniger mit der Tierzucht als mit der Tierethik beschäftigt, erklärt Rita Molzberger.

In der Philosophie war früher die Frage vorrangig, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Rita Molzberger zitiert den französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau: "Menschen sind Wesen, die keinem anderen Wesen Leid zu fügen ohne Not." Deshalb versuche der Mensch Tiere auch möglichst in Ruhe zu lassen. Seit dem 20. Jahrhundert ist die Tierethik immer mehr in den Vordergrund gelangt.

Funktionale Züchtungen

Ob nun Tiere zur Ernährung der Menschen oder ob sie rein aus ästhetischen Gründen nach bestimmten Idealen gezüchtet werden, ist für die Philosophie auf den ersten Blick das Gleiche: Es sind rein funktionale Züchtungen. Erst bei der Frage, ob die Züchtungen, die Eingriffe in die Natur legitim sind, entsteht eine moralische Trennung. Denn Zucht zur Ernährung der Menschheit erfüllt ein Grundbedürfnis des Menschen, während Zucht zur Befriedigung subjektiver Schönheitsideale als moralisch fragwürdig betrachtet wird.

Verdrängung, so die Philosophin, rechtfertigt zwar nicht die Qualzucht, aber erleichtert das Gewissen. Weitere Ausflüchte werden in der Tradition gesucht: "Das haben wir doch schon immer so gemacht." Und schließlich hilft das Argument der Masse: "Viele wollen das, deswegen ist das irgendwie auch ok." In diese Mischung aus Scheinargumenten spielt dann noch das diffuse Argument hinein wie: "Die Natur will das so, weil es ist ja in ihr so angelegt."

"Diesen Eigenwillen unterstellen, das gibt es immer mal wieder, dass man so tut, als sei Natur für uns gemacht und würde sich darbieten, damit wir in sie eingreifen."
Rita Molzberger, Philosophin

Diesen gezielte Eingriff bei anderen Lebewesen zu machen, ist etwas, das bislang nur dem Menschen gelungen ist. Gut ist, sagt die Philosophin, dass die Diskussion um das Tierwohl und Tierrecht breiter geworden ist. Rita Molzberger wünscht sich aber, dass die Debatten um Pflanzenzucht auch zusammen mit denen um Tierzucht geführt werden sollten, denn am Ende steht die Frage: "Wie wollen wir leben? Wollen wir das? Brauchen wir das?"