Was dürfen Radfahrer - und was nicht? Wie lassen sich Sattel und Pedale am besten einstellen? Warum kommt es im Straßenverkehr zu gefährlichen Situationen, und wie lassen sie sich vermeiden?  Im Radfunk räumen unsere Radreporter Paulus Müller und Klaas Reese mit Halbwissen rund ums Radfahren auf. Wir haben mit ihnen gesprochen.  

Paulus Müller fährt mit seinem klassischen City-Bike ohne viel Schnickschnack bei jedem Wetter und moderiert die Sendungen Grünstreifen und Einhundert bei Deutschlandfunk Nova. Auch Klaas Reese nimmt jeden Tag das Rad zur Arbeit. Er moderiert aktuelle und hintergründige Sportsendungen und das Sportgespräch beim Deutschlandfunk. Jetzt haben sich die beiden für den Radfunk zusammengetan, um mit Halbwissen rund ums Radfahren aufzuräumen. 

Fahrradmotiv Radfunk

Zeit für ein paar Fragen

Wie kamt ihr auf die Idee für eine Fahrradserie?

Klaas: Paulus und ich kennen uns schon seit gemeinsamen Zeiten beim Hochschulradio Kölncampus. Als Paulus sich dann bei Deutschlandfunk Nova immer mehr zum Radexperten entwickelte, da war uns dann schnell klar, dass wir da mal einen Schwerpunkt setzen sollten. 

Paulus: Wir haben bei Deutschlandfunk Nova bei Fahrradthemen gesehen: das interessiert die Leute sehr. Es gab sehr viele Rückmeldungen, viele Diskussion in den Sozialen Netzwerken. Auch im persönlichen Gespräch mit Kollegen und Freunden wird schnell klar - das Thema treibt viele um und es gibt einfach wahnsinnig viele Fragen, die Menschen haben. Viele Leute haben einfach genug von Staus, sie wollen gerne mehr Rad fahren. Aber gleichzeitig gibt es da so viele Probleme. Sicherheit ist sicherlich das größte. 

Klaas: In der Sportredaktion des Deutschlandfunks bin ich dann mit dem Vorschlag auf offene Ohren gestoßen, das Thema mit größerem Aufwand zu bearbeiten. Und weil bei Nova auch die Idee zu einem Fahrradprojekt angedacht war, haben wir uns dann gedacht, dass wir den “Radfunk” in einer gemeinsamen Kooperation beider Sender angehen.

Paulus: Radfahren ist halt für wirklich alle was. Egal wie alt, egal welcher soziale Background. 

Wie oft fahrt ihr Rad?

Klaas: Fast täglich. Ich versuche seit einiger Zeit, meinen Weg zur Arbeit mit dem Rad zu fahren. Die 13 Kilometer haben mich zwar zunächst abgeschreckt, aber nachdem ich das mal ausprobiert hatte, fiel mir auf, dass ich mit dem Auto oder mit der Bahn nicht wirklich schneller bin. Und außerdem komme ich so weniger genervt an und habe sogar noch Sport gemacht.

Paulus: Ich habe mir Silvester 16/17 als guten Vorsatz vorgenommen, immer mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, und sowieso das Auto möglichst zu vermeiden. Das klappt echt gut. Ich glaube, an zehn Tagen war ich mit dem Auto unterwegs. Ich habe aber auch nur ca. sechs Kilometer zu fahren pro Strecke, also halb so viel wie Klaas.

Auch sonst fahre ich in der Stadt nur mit dem Rad. Mit einem Leih-Lastenrad lässt sich sogar Blumenerde aus dem Baumarkt transportieren.
Für längere Strecken, also mehr als 40 Kilometer habe ich aber dann doch ein Auto. Das ist aber mein Vorhaben für die Zukunft: an so was rantrauen.

Klaas: Und dann ist da noch das Thema längere Radtouren. Das will ich in Zukunft auf jeden Fall angehen und hoffe, dass auch meine Tochter da Spaß dran hat.

Was für Räder fahrt ihr?

Paulus: Ich fahre ein klassisches Touren/City-Bike. Ein solides Fahrrad ohne viel Schnickschnack. Denke aber gerade darüber nach, auch Ausflüge in den sportlicheren Bereich zu machen.

Klaas: Ist bei mir ganz ähnlich. Ich habe zwei Touren/City-Bikes - eines mit breiteren Reifen und Fahrradsitz für die Tochter, eines mit schmaleren Reifen ohne Schnickschnack für die Tour allein oder den Weg zur Arbeit. Ich suche gerade nach einem neuen, sportlicheren Fahrrad. Vielleicht entscheide ich mich für eine Crossover-Variante, die Touren- und Rennrad verbindet.

Was mögt ihr am Radfahren am meisten?

Paulus: Dass ich schneller bin als mit dem Auto in der Stadt. Ich kann durch den Park fahren und an der Wampe merke ich das auch. Jeden Tag mindestens 30-40 Minuten schnelles Fahren - das verbrennt ja auch Kalorien..
 
Klaas: Ja, die Bewegung ist klasse. Das man nie nach einem Parkplatz suchen muss, ist super, und dass man immer selbstbestimmt durchstarten kann. Stau, lange Schlangen an Ampeln oder Baustellen - da fahre ich auf dem Radweg einfach nebenher und tue was Gutes für meinen Körper, meinen Geldbeutel und für die Umwelt.

Und was hasst ihr am Radfahrern?

Klaas: Hassen ist jetzt vielleicht zu hoch gegriffen. Aber es ist schon richtig blöd, wenn die Radwege kaputt sind oder Autofahrer meinen, dass sie da einfach darauf parken dürfen. Und natürlich ist es auch manchmal gefährlich. Ich wurde gerade von einem Rechtsabbieger übersehen und abgeräumt. Zum Glück hatte ich einen Helm auf, und es ist nur das Fahrrad kaputt. Da hatte ich richtig Dusel. Blöd ist generell, dass bei der Verkehrsplanung an Autofahrer und Fußgänger gedacht wurde, die Fahrradfahrer aber oft vergessen wurden…

Paulus: … oh ja, darüber kann ich mich wirklich sehr aufregen. Die Radwegführung in Köln ist die Hölle. Wer legal fahren will, muss manchmal irrsinnige Umwege in kauf nehmen. Da hält sich dann natürlich kein Radfahrer dran. Dann wird auf der falschen Seite gefahren - und das ist gefährlich. In Berlin sieht es ja ähnlich aus. Das ist echt ein Problem. Dabei denkt man, das wäre doch wirklich so einfach. Das ist auch meine große Frage: Warum klappt das in so vielen Städten einfach nicht? Die Niederlande kriegen das doch auch hin. Wir versuchen das mal zu klären im „Radfunk“.

Klaas: Und was natürlich auch manchmal ein Hindernis ist, ist das Wetter. Aber für Regen und Kälte gibt es ja gute Kleidung. Und bei Schnee und Eis haben alle anderen auch Probleme voranzukommen.

"Was ich am Radfahren am meisten mag? Dass ich schneller bin als mit dem Auto in der Stadt. Ich kann durch den Park fahren und an der Wampe merke ich das auch."
Paulus Müller, Radreporter

Warum geht im Straßenverkehr so aggressiv zu?

Paulus: Es ist zu voll. Viel zu voll in den Städten. Das stresst alle Beteiligten und es macht natürlich allen schlechte Laune. Dazu kommt: Wir sind ja meistens dann im Straßenverkehr unterwegs, wenn wir es eilig haben. Auf dem Weg zur Arbeit, die Kinder in Schule oder Kindergarten bringen, etc.. Das alles führt dazu, dass sich der Stress dann mal heftig entlädt. Kennen wir ja alle, dass wir im Auto gerne mehr fluchen als sonst.

Klaas: Ich glaube, dass es vor allem daran liegt, dass man schnell denkt, dass man selbst zu kurz kommt. Wenn der Fahrer oder die Fahrerin vor mir noch über die Ampel kommt und ich nicht, dann ärgere ich mich. Und Fehler, die fallen einem vor allem bei den anderen auf und nicht bei sich selbst, weshalb man schnell ärgerlich wird. Ich merke bei persönlich auch, dass ich, wenn ich ins Auto steige, schneller unruhig und im schlimmsten Fall aggressiv werde, weil Zeitdruck oft dazu führt, dass man nicht die Ruhe behält.

Paulus: Beim Fahrrad kommt aber noch was dazu, finde ich: Als Fahrradfahrer habe ich in manchen Situationen wirklich Angst um mein Leben. Etwa, wenn mich mal wieder ein Autofahrer beim Rechtsabbiegen übersieht. Da ist das Brüllen dann auch einfach ein Schutzmechanismus.
 
Klaas:  Bin ich auf dem Rad unterwegs, dann ärgere ich mich natürlich auch über Autos, Lkw, Busse, Fußgänger und andere Radfahrer, aber durch die Bewegung komme ich meist deutlich entspannter am Ziel an und bin bei vielen Strecken schneller.

"Viele Autofahrer wissen schlicht nicht, was Radfahrer dürfen und was nicht. Deshalb wollen wir da auch im “Radfunk” für Aufklärung sorgen, damit beide Seiten besser Bescheid wissen."
Klaas Reese, Radreporter

Wie können Radfahrerinnen und Autofahrer im Straßenverkehr besser klarkommen?

Klaas: Wichtig ist, dass man nicht überall auf sein Recht pocht und direkt anfängt zu fluchen, wenn jemand einen Fehler macht.

Paulus: Was auch super wichtig ist, sozusagen `ne Lebensversicherung: Blickkontakt aufnehmen. Kommunizieren. Wer dich sieht, fährt dich nicht um. Blickkontakt hilft auch, Missverständnisse zu vermeiden... 

Klaas: .. ja, so ein Lächeln, entspannt zum Beispiel auch die Situation. Im Prinzip wollen ja alle nur möglichst entspannt und sicher am Ziel ankommen. Da hilft es wenig, wenn man rücksichtslos durch die Straßen brettert.

Welche Fehler machen Autofahrer im Umgang mit Radfahrern?

Klaas: Viele Autofahrer wissen schlicht nicht, was Radfahrer dürfen und was nicht. Deshalb wollen wir da auch im “Radfunk” für Aufklärung sorgen, damit beide Seiten besser Bescheid wissen. Außerdem halten viele Autofahrer viel zu wenig Abstand bei Fahrrädern oder übersehen Radfahrer beim Abbiegen. Und dann kann es schnell richtig gefährlich werden, weil das Rad weder Airbag noch Knautschzone hat.

Und wo sind Radfahrer zu leichtsinnig?

Paulus: Da gibt es natürlich auch vieles, was man aufzählen könnte. Über Rücksichtnahme haben wir ja schon gesprochen. Aber, was man häufig sieht: Radfahrer auf Bürgersteigen. Viele denken, dass es dort sicherer ist, aber das Gegenteil ist der Fall. Da passieren viele Unfälle. Auf dem Bürgersteig haben Radler nichts zu suchen. Auch ein Punkt: Radfahrer, die gegen die Fahrtrichtung auf Radwegen fahren. Auch das ist sehr gefährlich, zeigen Statistiken.

Klaas: Ich finde: Oft fahren Radfahrer und Radfahrerinnen schlicht zu schnell. Wenn ich sehe, dass etwa viele Fußgänger unterwegs sind oder es sich staut, dann sollte ich auf dem Rad nicht auf mein Recht pochen, sondern entsprechend der Situation mein Tempo anpassen, um andere und mich selbst nicht zu gefährden. Außerdem sehe ich immer wieder Fahrräder im Dunkeln ohne Beleuchtung und auch bei den Handzeichen könnten Radfahrerinnen und Radfahrer deutlicher anzeigen, was sie vorhaben.

Was nervt mehr – ein Autofahrer, der kurz auf dem Radweg stoppt, um beim Bäcker reinzuspringen – oder ein Radfahrer, der mit klapperndem Schutzblech, Handy am Ohr und drei Taschen am Lenker in Schneckengeschwindigkeit vor euch über den Radweg kriecht?

Klaas: Nervig sind beide. Aber der Autofahrer ist für mich dann die deutlich gefährlichere Option.

Paulus: Stimmt. Viele Autofahrer checken gar nicht, wie sehr sie mit zugeparkten Radwegen Radfahrer gefährden. Die müssen dann im Zweifel auf die Fahrbahn ausweichen - gerade bei viel befahrenen Straßen, wo auch Lkw und Busse langdonnern, kann das gefährlich werden.

Paulus Müller und Klaas Reese mit Rädern vor dem Deutschlandradio Gebäude in Köln
© Deutschlandradio | Jessica Sturmberg

Schon mal über Schönwetterradler geschimpft?

Paulus: Kriegt man immer mal wieder mit, dass sich in Radlerforen und Facebook-Gruppen drüber aufgeregt wird, wenn mit dem guten Wetter auch die Radfahrer auf die Straße kommen, die sich nicht trauen. Ich verstehe das nicht! Wir sollten uns über jeden freuen, der Rad fährt. Neulich, als Busse und Bahnen bestreikt wurden und gutes Wetter war, konnte man sehen, wie es sein könnte. Da lag ein Hauch von Kopenhagen in der Luft.

Klaas: Ich habe da erstaunlich wenig geschimpft bisher. Meistens finden sich ja sichere Möglichkeiten zu überholen. Und in der Stadt passe ich mein Tempo meist an, weil ein Überholen oft nichts bringt, weil wir an der nächsten Ampel eh wieder zusammenstehen.

Nach euren Recherchen – was können Städte und Gemeinden tun, damit Radfahren in der Stadt entspannter wird?

Klaas: Infrastruktur verbessern. Dringend. Das heißt natürlich: mehr Raum für Radfahrer und  - ja - in der Konsequenz dann weniger für die Autofahrer.

Paulus: Und da muss man denjenigen, die einen Ausbau der Radinfrastruktur kritisch sehen, mal vorrechnen, wie viel Geld man dadurch sparen kann und wie viel Lebensqualität eine Stadt gewinnt. Viele Autofahrer wissen nicht, dass eine gute Radinfrastruktur zu weniger Staus führt, weil sich dann auch endlich diejenigen auf das Rad trauen, denen das noch zu gefährlich ist. Ältere, Menschen mit Kindern. 

Ihr habt euch für die Serie ja sehr mit Verkehrsregeln beschäftigt? Welche Regel hat euch als Radfahrer selbst überrascht oder hattet ihr so nicht auf dem Schirm?

Paulus: Ich kannte das Rollern nicht. Wenn ich mich vom Sattel schwinge und das Fahrrad auf einem Pedal stehend, wie einen Roller benutzte, dann werde ich vom Radfahrer zum Fußgänger. Das Rad wird dann zum Spiel- oder Sportgerät. So darf ich mich auch auf dem Fußgängerweg bewegen, ohne gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen. Sollte man aber natürlich nur machen, wenn man damit niemanden gefährdet.

Klaas: Ich habe gelernt, dass ich Kinder bis acht Jahre auf dem Gehweg mit dem Rad begleiten darf. Das war mir vorher nicht klar, ist aber natürlich eine sinnvolle Regelung.

Ihr wacht morgens auf, es regnet, ein fieser Wind zieht auf – wie kommt ihr zu Arbeit: mit Bus und Bahn, im Auto oder auf dem Rad?
 
Klaas: Eine schöne Fangfrage. In letzter Zeit habe ich mich noch oft für das Auto entschieden, weil ich meine Tochter noch trocken in die Kita bringen wollte. Ich hoffe, dass das als Ausrede gilt. Aber ich muss auch sagen, dass ich mich hinterher wieder geärgert habe, weil ich viel länger zur Arbeit gebraucht habe, weil natürlich alle mit dem Auto fahren und in fast jedem Auto nur eine Person sitzt.

Paulus: Regenklamotten an und aufs Rad. Die Kinder in den Anhänger, da sind sie regengeschützt. Die Kollegen sind schon dran gewöhnt, dass meine Schuhe dann manchmal ein wenig gesprenkelt sind von den Matschpfützen und die Haare nass runterhängen. Zum Glück machen wir ja Radio!

Klaas: Ist angekommen Paulus. Ich hab jetzt ja auch eine Regenhose und werde in Zukunft auch mit dem Rad kommen.