Ein Forscherteam der Universitäten Bielefeld und Osnabrück wollte wissen: Wie denken junge Islamisten? Tausende Nachrichten haben sie dazu analysiert - in einer WhatsApp-Gruppe von jungen Radikalen. 

Im Mittelpunkt der Studie steht der Chat einer WhatsApp-Gruppe von zwölf Salafisten zwischen 15 und 35 Jahren. Ein junger Mann habe sie eröffnet und sich so zum Anführer und Regulierer gemacht, erklärt Andreas Zick, Mitautor der Studie und Professor für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

Es traten elf weitere junge Männer bei. "Zum Teil, weil sie es interessant finden. Zum Teil weil sie den Gruppengründer kennen, aber auch weil die Gruppe direkt einen Namen bekommt", so Andreas Zick. 

"Dann läuft das erstmal wie eine ganz normale Jungendgruppe. Nur steht diese von Anfang an im Zeichen des IS und des Dschihadismus."
Andreas Zick, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld

Die Idee der Gruppe war von Beginn an wenig harmlos: Die jungen Männer wollten eine Art Splittergruppe der Terrororganisation IS in Deutschland gründen. Kontakte zum IS habe es nicht gegeben, sagt Andreas Zick. Sie hätten jedoch genau gewusst, worauf sie sich einlassen.

"Es gibt aber auch Ein- und Austritte. Einige zweifeln, weil sie nicht das bekommen, was sie wollen", berichtet der Forscher. Für einige sei etwa eine Motivation gewesen, Frauen kennenzulernen. "Als das nicht klappte, bekommen sie Zweifel und treten aus".

Selbstgemachter "Lego-Islam"

Gemeinsam mit dem Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück wurde der Chat der Gruppe analysiert. Der Islam spielte in den Gesprächen eine große Rolle, zeigt die Studie: Im Chat wurden islamische Praktiken diskutiert, Fragen nach Reinheit und Unreinheit gestellt. 

Das alles aber auf einer willkürlichen Basis: So seien zusammenhanglose, teils falsch übersetzte Koransuren angeführt worden oder sogar das Alte Testament der Bibel. Schließlich seien Regeln schlicht immer mehr selbst gesetzt worden, so Andreas Zick.

"Man bastelt sich eine Realität zurecht, die aber immer unter dem Ziel steht, eine ganz exklusive Identität zu haben: 'Wir haben eine ganz besondere Verbindung und du kannst ein Krieger sein.'
Andreas Zick, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld

Eine bekannte Verschärfung des Radikalisierungsprozesses lässt sich auch bei der untersuchten Gruppe junger Männer beobachten: Sie reduzieren ihren Kreis zusehend und isolieren sich immer mehr von der Außenwelt, zeigt die Studie. Damit habe sich auch die Richtung verschärft. 

Seien anfangs zur Frage "Wie können sie den IS unterstützen?" noch Maßnahmen wie die Gründung einer eigenen Moschee besprochen worden, so Andreas Zick, habe sich zum Schluss ein anderer Plan herauskristallisiert: ein lebensgefährlicher Anschlag.

Studie in Buchform

Die Studie, die mit Daten aus dem Jahr 2016 arbeitet, zeichnet den Weg hin zur Gewalt durch den Chat nach. Die Personen in diesem realen Fall bleiben anonymisiert. Die Studie ist unter dem Titel "Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen“ als Buch erschienen.

Mehr zum Thema: