Immer mehr Menschen zieht es, vor allem seit der Pandemie, aufs Land. Deshalb entstehen auch viele unterschiedliche Wohnformen, die nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel schonen sollen. Doch Vorsicht - solche Projekte haben auch einige Stolperfallen.

Das Einfamilienhaus auf dem Land wird von einigen schon als klimaschädliches Auslaufmodell bezeichnet. Neue Wohnformen für die Zukunft müssen also her, die eben nicht nur aus finanzieller, sonder auch aus ökologischer Sicht Vorteile bieten. Beispielsweise hat die Flutkatastrophe gezeigt, welche Folgen es haben kann, wenn zu viele Flächen versiegelt sind und kein Wasser mehr ablaufen kann.

"Der wichtigste Vorteil von alternativen Wohnformen ist sicher: Es werden keine neuen Flächen versiegelt."
Benedikt Schulz, Deutschlandfunk Nova-Reporter

Und auch so ist der Flächenverbrauch durch Neubauten enorm: Im Stadtteil Widdersdorf im Norden von Köln ist in den vergangenen Jahren eine riesige Siedlung von über 130 Hektar entstanden, die zuvor nicht versiegelt war. Auch die Baumaterialen, die pro Einfamilienhaus verwendet werden, tragen zur schlechten Klimabilanz von Einfamilienhaussiedlungen bei.

Deshalb zieht es immer mehr Menschen aufs Land, um dort mit mehreren Menschen zusammen den Platz effektiv zu nutzen.

Mehrgenerationenhäuser und Co-Housing

Wohnen auf dem Land – das kann so vielfältig sein wie in der Stadt. Wer sich beispielsweise kein Einfamilienhaus leisten kann und möchte, der kann auf Mehrgenerationenhäuser oder Co-Housing-Projekte zurückgreifen. Dabei schließen sich Menschen zusammen und mieten oder kaufen ein Grundstück oder gleich ein Haus.

Jede Partei besitzt dabei eine eigene Wohnung, es gibt aber auch Gemeinschaftsbereiche. So können mehrere Familien beispielsweise eine Kinderbetreuung oder Fahrgemeinschaften zusammen organisieren.

Leben mit 99 Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern

Daneben gibt es aber auch Großprojekte, bei denen beispielsweise alte Industrieanlagen oder ein alter Bauernhof umgebaut werden. Bis zu 100 Leute leben dort zusammen. Wer der Typ dafür ist, kann daraus viele Vorteile ziehen, sagt Deutschlandfunk Nova-Reporter Benedikt Schulz.

"Es gibt auch echte Großprojekte, etwa den Umbau von alten Industrieanlagen oder eines alten Bauernhofs. Da kann es dann sein, dass da mitunter rund 100 Leute wohnen."
Benedikt Schulz, Deutschlandfunk Nova-Reporter

Julia Paaß, Mitbegründerin vom Netzwerk Zukunftsorte, berät Menschen, die sich für solche Wohnformen interessieren und gibt ihre eigenen Erfahrungswerte weiter. Denn sie baut gerade auch zusammen mit anderen einen alten, riesigen Bauernhof eine Stunde von Berlin entfernt um. Sie ziehen dabei zwar in eine deutlich kleinere Wohnung, dafür würden aber Arbeits- und Gästezimmer wegfallen, da diese gemeinschaftlich organisiert würden, erzählt Julia Paaß. Eine Sharing-Kultur ist ihrer Meinung nach nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land möglich.

"Also klar, in der Stadt bist du in einem System, wo das generell mit dieser Sharing-Kultur gut möglich ist. Das kann man aber ebenso auf dem Land machen."
Julia Paaß, Mitbegründerin vom Netzwerk Zukunftsorte

Julia Paaß und ihre Mitbewohner haben sogar eigene Rinder, die ihnen bei der Landschaftspflege helfen – so könnten sie sich umweltschädliche Rasenmähertraktoren sparen.

Vorsicht vor der rosaroten Brille!

Wer sich für derartige Projekte interessiert, sollte allerdings vorher gut recherchieren. Es gibt nämlich auch einige Stolperfallen. So zum Beispiel die Finanzierung. "Solche Wohnprojekte sind bei Banken leider oft nicht so gerne gesehen", sagt Benedikt Schulz. Den Banken fehle es hier häufig an Sicherheiten, weshalb nur selten Kredite vergeben werden.

Ein Beispiel: Ein Bauernhof inklusive seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche soll 800.000 Euro kosten. Aus Sicht der Bank liegt der Grundstückswert aber nur bei 22.000 Euro, denn landwirtschaftliche Nutzfläche ist nicht so viel wert. Das Argument der Bank ist folglich: Sollten die Klienten in Zahlungsschwierigkeiten kommen und die Bank müsste das Grundstück verkaufen, würden sie niemals dafür 800.000 Euro bekommen.

"Mir hat selbst schon mal ein Finanzberater für Immobilienkäufe gesagt, für eine solche 'Liebhaberei', da würden die Banken in der Regel keine Kredite vergeben. Denen fehlt da oft die Sicherheit."
Benedikt Schulz, Deutschlandfunk Nova-Reporter

Einen Bauernhof umzubauen ist also auf jeden Fall immer ein sehr komplexes Vorhaben. Das weiß auch Julia Paaß. Ihre Faustregel: Es wird immer teurer als man denkt. Deshalb sollten sich interessierte Gruppen immer bei Sanierungskosten und ähnlichen Angelegenheiten beraten lassen.

Neben dem Netzwerk Zukunftsorte gibt es auch Beratungshilfe bei der Stiftung Trias. Auch diese hat einen ganz pragmatischen Tipp parat: Es kann nie schaden, wenn bei der Wohngemeinschaft ein paar Geschäftsleute und Handwerkerinnen mitmachen.