Die rechte "Initiative Zusammenrücken" wirbt für den Umzug in kleine Dörfer in Sachsen. Von dort aus soll das "deutsche Volk" vor dem Untergang bewahrt werden. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Tobias Dammers hat in der Szene vor Ort recherchiert, was mitunter nicht ungefährlich war.

Über den Messengerdienst Telegram ist Deutschlandfunk-Nova-Reporter Tobias Dammers auf die rechtsextreme "Initiative Zusammenrücken" gestoßen. Wie er in seiner Recherche danach herausfand, steht dahinter eine Gruppe von Männern und Frauen, die oft aus Westdeutschland kommen, manchmal sogar vorbestraft sind und oft auch lange Karrieren im rechtsextremen Milieu vorweisen.

Ihr Ziel ist es, das "deutsche Volk" vor einem angeblich drohenden Untergang zu bewahren, da sie glauben, dass Westdeutschland der "biologisch-kulturelle Abgrund" durch eine angebliche Überfremdung durch Menschen mit Migrationshintergrund drohe.

Werbung für den Umzug nach Sachsen

Deshalb sind diese Rechtsextremisten mit ihren Familien in kleine, ländliche Gemeinden nach Sachsen gezogen und werben nun lautstark für weitere Umsiedler*innen. Dabei bieten sie den Interessierten auch aktiv ihre Hilfe an.

"Diese Rechtsextremisten sind mit ihren Familien in kleine, ländliche Gemeinden nach Sachsen gezogen, werben lautstark neue Umsiedler an – und bieten allen Interessenten ihre tatkräftige Hilfe an."
Tobias Dammers, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Initiative unterstützt Interessierte beispielsweise bei der Wohnungs- und Jobsuche. Dabei gehen die Mitglieder oft sehr engagiert vor, wie Tobias Dammers selbst erfuhr, als er sich während seiner Recherche als interessierter Umsiedler ausgab.

Nach eigenen Angaben bekäme die Initiative rund drei Anfragen von interessierten Siedlern pro Tag – der Verfassungsschutz hat zwar keine verlässlichen Statistiken, geht aber von deutlich weniger Umsiedlern aus. Allerdings konnten durchaus Zuzüge von westdeutschen Rechtsextremisten in verschiedenen Landkreisen in Sachsen, insbesondere Mittelsachsen, Chemnitz und Bautzen, beobachtet werden, sagt Tobias Dammers.

Verfassungsschutz in Sachsen schon alarmiert

Für den Verfassungsschutz liegt die große Gefahr, die von der Initiative ausgeht, aber vor allem darin, dass sie den Umsiedelnden auch Hilfe bei der politischen Vernetzung anbietet. So befürchtet er, dass die Initiative ein rechtsextremes Netzwerk bildet und versucht, unter den neuen Siedler*innen ihre Ideologie zu verbreiten. Ein Statement zu diesen Vorwürfen wollte die Initiative auf Anfrage von Tobias Dammers hin nicht abgeben.

Sachsen als gezielte Anlaufstelle

Dass sich die Initiative auf das Bundesland Sachsen konzentriert, liegt daran, dass sie überzeugt davon sei, dort die besten Bedingungen vorfinden zu können, um die "deutsche Art" langfristig retten zu können, erklärt Tobias Dammers.

Sophie Spitzer vom Kulturbüro Sachsen berät Gemeinden vor Ort im Umgang mit Rechtsextremisten. Ihre Erklärung für den gezielten Umzug nach Sachsen: Hier würden die Rechtsextremisten Regionen vorfinden, in denen nur wenige Menschen mit Migrationshintergund leben.

"Ziel ist es, in Regionen zu siedeln, wo weniger Menschen mit Migrationsgeschichte leben. Das ist der Grund weswegen einige Akteure und Akteurinnen von Westdeutschland nach Ostdeutschland kommen."
Sophie Spitzer, Kulturbüro Sachsen

Und noch zwei Aspekte spielen eine Rolle: Zum einen sind die Haus- und Grundstückspreise in Sachsen sehr niedrig und zum anderen ist die politische Zustimmung zu rechtsradikalen Positionen größer als an anderen Orten – wie die vergangenen Wahlen bereits gezeigt haben, sagt Tobias Dammers.

Viele Bürgerinnen und Bürger machen sich Sorgen

Viele Menschen in den betroffenen Orten machen sich über diese Entwicklung große Sorgen – so beispielsweise im 8.000-Einwohner-Ort Leisnig in Mittelsachsen. Hier leben inzwischen mindestens fünf recht neu zugezogene Familien aus dem rechtsextremen Milieu. Offen kritisch über die neuen Nachbarn zu sprechen, traue sich in diesem Ort fast niemand, berichtet Tobias.

"In Leisnig gibt es viel Achselzucken dazu, aber eben auch viele Menschen, die sich Sorgen machen. Offen kritisch über die neuen rechtsextremen Nachbarn zu sprechen, traut sich aber fast keiner."
Tobias Dammers über die Sorgen der Menschen in Leisnig

Ein Mann hat sich trotzdem getraut mit Tobias zu sprechen – aber nur anonym. Es könne passieren, dass man sonst sein Auto nachts anzünde, wenn herauskäme, dass er mit Journalisten spreche. Ihm mache vor allem die gute Rhetorik der Rechtsextremisten Angst, mit denen sie neue Anhänger und Anhängerinnen im Dorf gewinnen könnten.

In diesem Jahr sind verschiedene Rechtsextremisten unter anderem mit Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen aufgefallen. Andere betreiben mehrere Online-Medien, engagieren sich aber auch in Sportvereinen oder im Schulleben.

Beklemmende Recherche

Tobias Dammers empfand die Recherche an manchen Tagen als sehr beklemmend. Monatelang konnte er sich als interessierter Umsiedler ausgeben – dann war ein Treffen geplant. Kurz vor dem Treffen erhielt er allerdings eine Absage und erfuhr danach durch den Chat in der Telegramgruppe, dass seine Tarnung aufgeflogen war.

"Während der Recherche habe ich mich verdeckt als interessierter Siedler ausgegeben und mit der Initiative Kontakt aufgenommen. Das ging monatelang gut. Vor einem geplanten Treffen ist diese Tarnung allerdings aufgeflogen."
Tobias Dammers, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Dort posteten Mitglieder auch den Namen des Hostels von Tobias Dammers – als Einschüchterungsversuch. "Da konnte ich das erste Mal wirklich nachvollziehen, wie sich Leute fühlen müssen, die sich vor Ort kritisch mit diesem Phänomen auseinandersetzen oder sich sogar dagegen stellen", beschreibt es Tobias.