Weil sie oft nichts anderes zu fressen finden, knabbern Rehe im Wald Bäume an. Dabei zerstören sie einen nicht unwesentlichen Teil der Jungbäume, die aber zum Umbau des Waldes wichtig sind. Manche fordern jetzt, die Rehe abzuschießen. Das muss aber nicht die Lösung sein.

Um sich den veränderten Klimabedingungen anzupassen, müssen die Wälder in Deutschland umgebaut werden. Es müssen neue, andere Arten gepflanzt werden, Mischwälder wären ideal.

Rehe zerstören Großteil der Jungbäume

Die neuen kleinen Bäumchen werden aber oft von Rehen angeknabbert. Der Schaden ist ziemlich groß. "Etwa 50 bis 60 Prozent der Baumarten gingen durch diesen Wildverbiss verloren. Für den Waldumbau sei das ein Problem", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Vanessa Reske. Sie bezieht sich auf eine Studie des Max-Plank-Instituts.

Ein Wildbiologe des Ökologischen Jagdvereins NRW fordert sogar, zur Rettung des Waldes mehr Rehe abzuschießen. Das könne aber nicht die Lösung sein, sagt Vanessa Reske. Vielmehr fehle es dem Reh an Nahrung.

"Rehe fressen eigentlich gar nicht so gerne Bäume. Aber in der Landschaft, die wir ihnen bieten, haben sie oft nur wenig Alternativen"
Vanessa Reske, Deutschlandfunk Nova

Rehe haben oft auch keine andere Wahl als Bäume anzuknabbern, da ihnen der Lebensraum außerhalb der Waldgebiete fehlt. Dort sind häufig Straßen, Häuser und Industrie. Und im Wald selber haben sie keine geeigneten und geschützten Rückzugsorte und werden von Spaziergängern, Radfahrerinnen oder Hunden gestört.

Rehe verstecken sich in den Wäldern vor Menschen

Ilse Stroch, Leiterin des Lehrstuhls für Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der Uni Freiburg, erklärt, dass im Wald häufig auch Jägerinnen und Jäger sind, sodass sich Rehe verstecken. "Wo Rehe und Hirsche aufgrund starker Bejagung sehr scheu sind, meiden sie deckungsarme Flächen, selbst wenn sie gute Nahrung bieten. Sie bleiben dann im Wald, wo es außer jungen Bäumen wenig zu fressen gibt", beschreibt Ilse Stroch das eigentliche Problem.

Aus der Argumentation der Forscherin ergibt sich, dass nicht Rehe den notwendigen Umbau der Wälder durch ihr Fressverhalten behindern. "Eigentlich ist der Mensch das Problem, fasst Vanessa Reske zusammen. Das werde vor allem dort zum Problem, wo nur wenig junge Bäume wachsen.

"In der Forstwirtschaft spricht man dann von einem sogenannten Verbissproblem."
Vanessa Reske, Deutschlandfunk Nova

Nicht überall ist der Verbiss ein Problem

Die Wissenschaftlerin Ilse Stroch erklärt: "Ein Verbissproblem entsteht, wo Rehe und Hirsche mehr junge Bäume verbeißen als der Förster braucht, um seine waldbaulichen Ziele zu erreichen. Wo es flächige Verjüngung gibt, sind aber auch viele Rehe und Hirsche unproblematisch." Demnach ist der Verbiss ist nicht überall ein Problem.

"Der Verbiss sorgt stellenweise für große finanzielle Schäden und blockiert den Waldumbau."
Vanessa Reske, Deutschlandfunk Nova

Zwar würde man mit dem Vorschlag des Ökologischen Jagdvereins, mehr Rehe abzuschießen, das Problem lösen. "Denn je weniger Rehe es gibt, desto weniger Bäume werden von den Tieren gefressen", ordnet Vanessa Reske ein. Doch die Tötung von Rehen hat langfristig Auswirkungen auf das Ökosystem des Waldes, und damit schaffe man neue Probleme.

Beispiel aus den USA

Hinweise auf die Auswirkungen auf das Ökosystem im Wald gibt es bereits aus den USA. Eine verminderte Anzahl von Rehen hätte demnach auch eine verminderte Anzahl der Insekten und Amphibien zur Folge. Deswegen werden jetzt alternative Wege gesucht, um das Verbissproblem zu lösen. "Zum Beispiel wurden Schutzzäune um junge Bäume aufgestellt", beschreibt Vanessa Reske den Versuch aus Amerika.

Rehe brauchen Schutzzonen und Rückzugsorte

Allerdings ließen sich die Rehe davon nicht abschrecken. Eine Lösung wäre es hingegen, das Verhalten der Tiere zu ändern. Dazu müsse man aber umdenken und eher weniger jagen. Parallel bräuchten die Rehe alternative Nahrungsquellen und geschützte Räume. Rehe ernähren sich auch gerne auf Lichtungen im Wald. Fühlen sie sich dort ungestört, kommen sie womöglich gar nicht – oder weitaus seltener – auf die Idee, an Bäumen zu fressen. Wildtierbiolog*innen fordern deshalb, die Jagd zu reduzieren und Wildruhezonen einzurichten.

Allerdings sind diese Lösungsvorschläge sehr theoretisch räumt Vanessa Reske ein. "Wo sollte in einem öffentlichen Wald – zum Beispiel im Sauerland – eine solche Ruhezone eingerichtet werden? Außerdem gibt es durch Jagdpachtverträge das Recht auf vertraglich festgelegten Gebieten zu jagen. Da kann man nicht einfach eine Ruhezone für die Rehe einrichten. Und nicht zuletzt müssen Jägerinnen und Jäger auf ihre Abschüsse kommen, damit die Wildtiere ordentlich gemanagt werden", erläutert Vanessa Reske.

Dass Wälder mittelfristig umgestaltet werden müssen, um den klimatischen Veränderungen Stand zu halten, steht jedoch fest. Dafür müssen Baumtriebe ungestört wachsen können. Eine einfache Lösung für die Koexistenz von Rehen und jungen Bäumen in Wäldern gibt es nicht.