Für Bundeskanzler Olaf Scholz war es sicherlich ein aufregender Moment, als er gestern seine erste Regierungserklärung abgab. Nach der 90-minütigen Rede im Bundestag gab es allerdings Kritik. Nicht am Inhalt, sondern an der Art des Vortrags. Zu langweilig! Herr Bundeskanzler, wir haben Tipps, wie das besser gelingen kann.

Direkt nach seiner ersten Regierungserklärung bekam Olaf Scholz mächtig Kritik. Ralph Brinkhaus von der CDU/CSU-Fraktion mahnte, in Scholz' Rede fehle die Leidenschaft: "Fortschritt und Zukunft braucht Begeisterung – diese Begeisterung habe ich in den letzten 90 Minuten nicht gesehen!"

Auch Kommunikationsexpertin Isabel Garcia habe sich schwer getan die 90-minütige Rede anzuhören, weil sie sie schlichtweg langweilig fand. Sie berät Führungskräfte in Kommunikationsfragen und legt den Fokus dabei immer auf zwei entscheidende Fragen:

  • Wie merkwürdig ist die Rede? (Im Sinne von: ist der Inhalt es würdig, sich ihn zu merken?)
  • Wie stimmig und dadurch glaubwürdig spricht eine Person zu ihrer Zuhörerschaft?

Mehr Natürlichkeit in der Stimme

Bei Olaf Scholz habe ihr beispielsweise die Natürlichkeit gefehlt. Oft spreche er in einem unnatürlichen "Singsang", wo man sich frage: Spricht er so auch mit seiner Frau oder seinen Freunden zuhause? Die Kommunikationsexpertin rät dazu, Spannungspausen innerhalb von Sätzen bewusst einzusetzen und auch in der Stimmlage mehr zu variieren, um natürlicher zu wirken.

"Olaf Scholz müsste natürlicher sprechen. Er hat so einen Singsang drin. Würde Scholz so zuhause mit seiner Frau reden? Mit seinen Freunden?"
Isabel Garcia, Kommunikationsexpertin

Blickkontakt und Gestik

Ein weiterer Kritikpunkt von Isabel Garcia: Olaf Scholz habe nur sehr wenig mit Blickkontakt gearbeitet. Vor allem bedeutungsschwere Sätze, wie die am Ende seiner Rede "Ja, das kann gut gehen. Ja, das wird gut gehen" sollte Olaf Scholz nicht ablesen, sondern ins Publikum schicken.

Bei aller Aufregung könne man erwarten, dass er diese zwei Sätze auswendig präsentiere, so Isabel Garcia. Denn mit einem Blickkontakt nehme man immer Kontakt zu der Zuhörerschaft auf und zudem sind damit auch immer Emotionen verbunden.

"So zwei Sätze kann ich doch mal auswendig lernen – bei aller Aufregung! Und dann hätte er ins Publikum schauen können und hätte mit Blickkontakt sagen können: 'Ja, das kann gut gehen. Ja, das wird gut gehen.' Dann wirkt das ja schon ganz anders."
Isabel Garcia, berät Führungskräfte bei Kommunikationsfragen

Außerdem ist Isabel Garcia aufgefallen, dass Olaf Scholz nur sehr wenig Gestik benutzt hat und sich stattdessen mit den Händen an den Blättern festgehalten habe. Grundsätzlich ein legitimes Mittel, um sich nicht in der Zeile zu vertun, allerdings konnte er dadurch nicht mehr seinen Körper benutzen, analysiert die Kommunikationsexpertin.

"Wir können Betonungen noch besser unterstreichen, wenn wir den Körper mitnehmen."
Isabel Garcia, Kommunikationsexpertin

Bundeskanzler Scholz habe bei seiner Rede häufig nur den Kopf bewegt, ohne den Körper bei diesen Bewegungen mitzunehmen, was zur Folge habe, dass seine Bewegungen nicht stimmig wirkten. Ihr Rat wäre deshalb gewesen, bei aller Aufregung zumindest ab und zu eine Hand vom Blatt zu lösen und damit das Gesprochene gestisch zu unterstreichen.

Was gut lief: Einfache Worte und gute Bilder

Aber Isabel Garcia hat auch gute Ansätze in der Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz gesehen: Denn trotz aller Aufregung habe er dennoch die Haltung bewahrt. Isabel Garcia lobt auch, dass Olaf Scholz gute Bilder in seiner Rede benutzt hat.

"Obwohl er sehr aufgeregt war, finde ich, hat er noch gut eine Haltung bewahrt."
Isabel Garcia, Kommunikationsexpertin

Wo sie in ihm sogar ein rhetorisches Vorbild für Kolleginnen und Kollegen sehe, ist die Tatsache, dass er immer "auf Punkt gesprochen" habe. Das bedeutet, dass er am Satzende mit der Betonung nach unten und nicht wie bei einer Frage nach oben gegangen ist. Eine rhetorische Angewohnheit, die Isabel Garcia bei vielen Politikerinnen und Politikern beobachtet.

Außerdem habe Olaf Scholz einfache Worte benutzt. Oft erlebe Isabel Garcia, dass Menschen ganz viele Fremdwörter nutzen, um damit zu beweisen, wie intelligent sie sind. Das habe sie bei dem neuen Bundeskanzler nicht beobachtet. Isabell Garcias Fazit deshalb: Sicherlich verbesserungswürdig, aber nicht die schlechteste Rede, die sie je gehört hat.