Sie lockern den Boden und transportieren Nährstoffe unter die Erdoberfläche – in Europa gelten Regenwürmer als nützlich. In nordamerikanischen Wäldern richten europäische und asiatische Regenwürmer aber großen Schaden an. Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig erklärt, wie das sein kann.

Lange waren Regenwürmer in weiten Teilen Nordamerikas ausgestorben. Das liegt an der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren, in der das gesamte nördliche Drittel des amerikanischen Doppelkontinents mit einer Eisschicht bedeckt war. In diesem Gebiet wurden die Regenwürmer durch die Kälte abgetötet. Als die sogenannte Wisconsin-Eiszeit vor 12.000 Jahren zu Ende ging, gab es keine Regenwürmer mehr in dieser Region.

Mehrere tausend Jahre lang keine Würmer

Die herabfallenden Laubblätter wurden über tausende von Jahren nicht mehr durch die Regenwürmer abtransportiert und unter die Erde gebracht. Es sammelte sich eine immer höhere Streuschicht von Laubblättern an, die viele Insekten, Amphibien, Vögel und Pflanzen als Unterschlupf oder Futterquelle nutzten. Das Laub zersetzten Pilze und Mikroorganismen.

"Hier gab es seit tausenden von Jahren keine Würmer mehr, die für einen raschen Abbau der Streuschicht gesorgt hätten."
Mario Ludwig, Biologe
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Im 20. und 21. Jahrhundert wurden europäische und asiatische Regenwürmer dann von Menschen zurück in nordamerikanische Regionen gebracht, die lange Zeit wurmfrei waren.

Die Rückkehr des Wurms

Die Würmer wurden in den Wurzelballen importierter Pflanzen eingeschleppt. Es ist auch anzunehmen, dass übrig gebliebene Köderwürmer von Anglern in der Natur zurückgelassen wurden, erklärt Biologe Mario Ludwig. Aufgrund guter Umweltbedingungen haben sich diese dann schnell vermehrt. In manchen Gegenden kommen Regenwürmer inzwischen massenhaft vor.

Invasive Arten: Folgen für einheimische Tiere und Pflanzen

Die Regenwürmer verändern das Ökosystem massiv. Über Jahrhunderte gespeicherte Nährstoffe im Boden werden auf einmal freigesetzt – allerdings viel zu schnell, sodass die Pflanzen keine Chance haber, einen Großteil davon aufzunehmen und zu verwerten. Stickoxid oder Kohlendioxid werden so einfach in die Atmosphäre abgegeben.

Seltene Pflanzen noch seltener

Einige seltene Pflanzen wie der Koboldfarn oder der Frauenschuh sind in den Wäldern Nordamerikas kam noch zu finden. Auch Bäume leiden unter den Veränderungen: Durch den Abbau der Streuschicht durch die Würmer fehlt den Keimlingen der Schutz, den sie brauchen, um die ersten Jahre gut zu überstehen.

Regelrechte Kettenreaktion

Für wirbellose Tiere ist die Streuschicht aus Laubblättern ebenfalls ein wichtiger Schutz. Wo früher Tausendfüsser, Asseln, Milben und Insektenlarven waren, sind jetzt nur noch Regenwürmer, sagt Mario Ludwig. Das führe dazu, dass Amphibien, Reptilien und Vögel deutlich weniger zu fressen haben. Letztendlich sei dadurch das gesamte Ökosystem stark bedroht.

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Noch zerstörerischer als die europäischen Regenwürmer ist eine asiatische Regenwurmart, die den wissenschaftlichen Namen "Amynthas agrestis" trägt: Ein Wurm, der zuckt und zappelt, wenn man ihn berührt und deswegen auch "Jumping Worm" (springender Wurm) genannt wird.

Gift scheidet aus

Überlegungen, wie die Würmer davon abgehalten werden können, dem Wald und dem Ökosystem als solches weiter Schaden zuzufügen, haben zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt. Der Versuch, die Würmer zu vergiften, scheidet von vorneherein aus, weil sich auch viele andere Lebenwesen im Wald vergiften würden.

Keine Lösung in Sicht

Der Versuch, neue Fressfeinde einzuführen, scheint ebenfalls keine Lösung, denn das hat in anderen Regionen der Erde mit anderen Tieren in der Vergangenheit schon zu Problemen geführt. Was bleibt, seien nur hilflose Versuche, meint Mario Ludwig – zum Beispiel das Verbot, Köderwürmer freizulassen, um eine weitere Verbreitung der invasiven Regenwürmer zu verhindern.