Wem Kinder gehören? Aus europäischer Sicht ist die Frage ganz einfach zu beantworten: grundsätzlich den leiblichen Eltern. Doch in vielen Regionen Afrikas gilt das nicht so ohne Weiteres. Vor allem im Westen des Kontinents, sind es oft die Verwandten, die Eigentums- und Erziehungsrechte an den Kindern geltend machen - und auch praktisch umsetzen. Erdmute Alber erklärt das am Beispiel der Schulpolitik.

Schon seit Jahrhunderten ist das Prozedere tief verwurzelt, beispielsweise in Benin oder der Elfenbeinküste: Werden Kinder auf dem Land etwa drei Jahre alt, melden sich Onkel oder Tante bei den leiblichen Eltern, um sie abzuholen. Wohlgemerkt: Die Verwandten werden aktiv, nicht die leiblichen Eltern. Die Verwandten - wenn sie in einer Stadt leben - können ein Kind oft gut gebrauchen, meist als Haushaltshilfe. Auf der anderen Seite kann es bei ihnen zur Schule gehen, was auf dem Land wegen weiter Entfernungen oft nicht möglich ist.

"Education is the most powerful weapon which you can use to change the world."
Nelson Mandela, ehemaliger südafrikanischer Präsident

Ethnologen sprechen in diesen Fällen von der sogenannten "Sozialen Elternschaft", die regelmäßig von den Verwandten übernommen wird. Die leiblichen Eltern haben dabei noch nicht einmal das Recht, die Erziehungsmethoden von Onkel oder Tante kritisieren zu dürfen. 

"Ohne die verwandtschaftliche Institution der Sozialen Elternschaft würde das Schulsystem in Benin nicht funktionieren."
Erdmute Alber, Ethnologin

Doch neuerdings - so unsere Rednerin - entflamme zunehmend ein Kampf um die Kinder - und Streitigkeiten zwischen leiblichen und "sozialen" Eltern nehmen zu. 

"Stärker als je zuvor wird heute darum gestritten, wem die Kinder gehören."
Erdmute Alber, Ethnologin

Erdmute Alber hat jahrelang in Benin geforscht und dort die Schulpolitik beobachtet. Durch die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, die unter anderem für eine bessere Grundschulbildung sorgen sollten, hat sich zwar vieles gebessert. Aber spätestens nach der Grundschule nehmen laut Erdmute Alber die Schwierigkeiten in der Schulpolitik afrikanischer Staaten erst so richtig Fahrt auf. Weil auf dem Land in Benin die nächste Schule, die Abitur anbietet, durchaus 100 Kilometer entfernt liegen kann, kommen nur die wenigsten in den Genuss eines nennenswerten Abschlusses. 

Die Sozialanthropologin Erdmute Alber von der Universität Bayreuth ist Lehrstuhlinhaberin in der dortigen Facheinheit Ethnologie. Sie hat am 30.8.2018 über das Thema gesprochen: "Verwandtschaft als Ressource - Fallstudien zur Kindheit, Erziehung und Bildung".  Als Expertin trat sie innerhalb der Berliner Sommer-Uni auf, die diesmal von der Berliner Akademie für weiterbildende Studien gemeinsam mit der Freien Universität veranstaltet wurde. Das Motto lautete: "Afrika - Herkunft und Schicksal der Menschheit".