In den USA könnte es in manchen Bundesstaaten in Zukunft sehr schwierig werden abzutreiben – dort zeichnet sich ab, dass ein Grundsatzurteil zu Schwangerschaftsabbrüchen aufgehoben werden könnte. Wir schauen, wie es global um das Thema Abtreibung bestellt ist.

Der Oberste Gerichtshof der USA bereitet eine Abschaffung des landesweiten Rechts auf Abtreibung vor. Die mehrheitlich konservativen Richter des Supreme Courts wollen demnach die alte Grundsatzentscheidung "Roe vs. Wade" aus dem Jahr 1973 kippen. Diese schrieb das Recht auf Abtreibung USA-weit fest.

Bereits im Zusammenhang mit Gesetzen in Polen wurde über das Thema Abtreibung heftig debattiert. Dort gilt mittlerweile das europaweit schärfste Abtreibungsgesetz. Zwei Beispiele – aber, wie steht es global gesehen um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch?

Dass die Gesetzgebung zu Schwangerschaftsabbrüchen international restriktiver geworden ist, möchte die Journalistin Patricia Hecht nicht bestätigen. Sie ist eine der Autorinnen des Buchs "Selbstbestimmt", in dem es unter anderem darum geht, dass eine Frau selbst entscheiden sollte, ob sie ein Kind austrägt oder nicht.

Sie erklärt, dass die Meinung – global gesehen – zum Thema Schwangerschaftsabbruch derzeit stark schwanken. Einerseits gab es in den vergangenen Jahren große Fortschritte der Frauenrechte im Bezug auf Abtreibung. Dafür verantwortlich seien starke feministische Bewegungen.

"2018 gab es in Irland ein spektakuläres Referendum. In Argentinien und Kolumbien haben Proteste dazu geführt, dass Frauen eine Abtreibung bis zur 24. Schwangerschaftswoche möglich ist."
Patricia Hecht, Journalistin und Buchautorin

Andererseits gibt es in 20 Ländern der Welt noch immer ein absolutes Abtreibungsverbot, sagt Hecht. Frauen dürften dort nicht einmal abtreiben, wenn sie vergewaltigt worden sind oder ihr eigenes Leben aufgrund der Schwangerschaft in Gefahr ist.

Kanada regelt Abtreibungen im Gesundheitsrecht

Seit Mitte der 90er Jahre sind die Länder El Salvador, Nicaragua und Polen diesem Verbot auf Abtreibung gefolgt. Im Thema sei immer Bewegung, weil es um Macht und körperliche Kontrolle gehe. Ein globales Tauziehen sei in Gang, sagt die Journalistin Patricia Hecht.

Als positives Beispiel hebt Hecht Kanada hervor. "Kanada hat Abtreibung seit 30 Jahren legalisiert. Es ist nicht vollkommen rechtefrei, aber geregelt im Gesundheitsrecht."

Horrorszenario Spätabtreibungen tritt nicht ein

Durch die rechtlichen Regelungen sei in Kanada das Stigma eines Schwangerschaftsabbruchs geschrumpft. Die Versorgung der Frauen sei dadurch verbessert worden. "Durch die gesetzlichen Regelungen muss sich der Schwangerschaftsabbruch nicht in einem grauen Bereich bewegen", erläutert Patricia Hecht.

Die Zahlen seien – seit Abtreibungen legalisiert wurden – stabil. Auch die Befürchtungen sehr später Abtreibungen sei in dem nordamerikanischen Land nicht eingetreten. "Frauen sind durch die Möglichkeiten nicht unverantwortlich geworden."

Frau stirbt nach Geburt an Sepsis

Patricia Hecht bestätigt, dass es in Ländern mit restriktivem Abtreibungsrecht immer wieder starke Proteste gibt. Zum Beispiel in Irland, denn dort starb eine Frau an einer Sepsis (Blutvergiftung), weil Ärzte sich geweigert hatten, den Fötus zu entfernen. Zu der Zeit galten in Irland noch ältere Gesetze.

"Es war klar, dass er es nicht schaffen würde. Doch da noch ein Herzschlag zu hören war, weigerten sich die Ärzte, ihn zu entfernen", sagt Patricia Hecht. Nach dem Ereignis protestierten viele Frauen gegen die Gesetze im katholisch geprägten Irland. Die Gesetze wurden dann zum Teil gelockert.

Länder mit konservativen Regierungen hätten deutlich mehr Restriktionen in Bezug auf Abtreibungen. "Das sieht man zum Beispiel in Polen. Und das ist einleuchtend, weil rechte Regierungen qua Ideologie Zugriff auf weibliche Körper brauchen. Die wollen das eigene Volk reproduzieren und nicht, dass Frauen mit ihrem Leben und ihrem Körper machen, was sie wollen", sagt die Journalistin.

Aufgrund des großen Einflusses der Vereinigten Staaten auf die Welt, geht Patricia Hecht davon aus, dass das neue Gesetze auch andere Länder beeinflussen könnte. "Erst mal hätte das Gesetz dramatische Folgen innerhalb der USA. Wenn das Verfassungsrecht gekippt wird, geht die Gesetzgebung wieder zurück an die Bundesstaaten. Mehr als die Hälfte der Bundesstaaten – darunter natürlich die republikanisch regierten – haben schon fertige Gesetzentwürfe in der Tasche, die totale Abtreibungsverbote vorsehen", sagt die Journalistin Hecht.

Arme Frauen werden es schwieriger haben, abzutreiben

Sie erklärt, dass diese Verbote zu einer Klassenfrage zwischen arm und reich werden könnte, denn reichere Frauen hätten ja noch immer die Möglichkeit für eine Abtreibung in einen anderen Bundesstaat zu reisen, in dem liberalere Gesetze gelten. Aufgrund der Kosten ist das nicht für jede Frau möglich.

Patricia Hecht geht davon aus, dass das neue Gesetz – wenn es verabschiedet wird – den Diskurs enorm verändern könnte. So könnte sich Polen in der Legitimierung seiner Abtreibungsgesetze ganz anders auf die USA beziehen. Auch Präsident Joe Biden könnte etwa bei Reden für Abtreibung vor den Vereinten Nationen an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn er die Gesetze nicht mal im eigenen Land anwenden kann.