Weil sich unsere Lebens- und Arbeitsgewohnheiten verändert haben, werden in Zukunft mehr Menschen schlechter sehen, sagt die Weltgesundheitsorganisation. Außerdem nehmen Augenkrankheiten zu.

Wir bewegen uns nicht mehr so viel im Freien und starren viel auf Displays und Bildschirme. Das fördert die Kurzsichtigkeit, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Kurzsichtigkeit lässt sich nicht mehr rückgängig machen, indem man sich wieder mehr im Freien aufhält und mehr in die Ferne blickt.

Zu wenig Bewegung im Freien, zu viel Gucken im Nahbereich

Augenarzt Ludger Wollring erklärt den Zusammenhang anhand einer Studie, die in asiatischen Ländern durchgeführt wurde. Dort ist in der Bevölkerung zunehmende Kurzsichtigkeit festgestellt worden, vor allem in China und Korea. In der Studie haben die Forschenden den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und vermindertem Aufenthalt im Freien und Sehen im Nahbereich nachgewiesen.

"Die Kurzsichtigkeit nimmt in Asien, insbesondere China und Korea enorm zu. Das ist nicht angeboren, sondern man hat einen Zusammenhang gefunden mit dem Aufenthalt im Freien und dem Sehen im unmittelbaren Nahbereich."
Ludger Wollring, Augenarzt

Unsere Augen werden heute vor allem im Nahbereich gefordert – beim Lesen in Büchern, auf Smartphones und Computern. Beim unmittelbaren Nahbereich handelt es sich um eine maximale Entfernung von 30 Zentimetern, also ungefähr der Längsseite eines DIN A4-Blatts. Weil die Schädigung irreversibel ist, soll bereits bei Kindergarten- und Schulkindern Kurzsichtigkeit vorgebeugt werden. Heißt: Mehr Aktivitäten im Freien.

Vorbeugen von Kurzsichtigkeit: weniger als drei Stunden täglich im Nahbereich gucken

Augenarzt Ludger Wollring ist der Ansicht, dass wir bis zu unserem zwanzigsten Lebensjahr Kurzsichtigkeit durch unser Verhalten provozieren können. Wer seine Augen bis dahin nicht länger als drei Stunden täglich im Nahbereich eingesetzt habe, hätte gute Chancen der Kurzsichtigkeit zu entkommen.

Die Fachgesellschaft für Augenheilkunde in Deutschland (DOG) geht davon aus, dass in Industrieländern immer mehr Menschen kurzsichtig werden, weil dort bereits Kinder zu viele Stunden nur im Nahbereich gucken. Die WHO warnt aber auch ältere Menschen davor, ihre Augen zu lange nur auf kurze Distanz zu nutzen.

Mangelnde Vorsorge führt zu mehr Sehstörungen

Weltweit leiden laut WHO 2,2 Milliarden Menschen unter Sehbehinderungen oder sind sogar vollständig erblindet. Davon hätte bei einer Milliarde die Sehbehinderung beispielsweise durch bessere Vorsorge verhindert werden können.

Vor allem ältere Menschen haben Sehbehinderungen. Bei ihnen steigt das Risiko, an Augenkrankheiten wie etwa dem Grauen Star zu erkranken oder durch das Starren auf Computerbildschirme oder auch Bücher schlechtere Augen zu bekommen. Bei letzterer Ursache ist oft die Entfernung zwischen Augen und Bildschirm oder Buch und die Dauer des Starrens das Problem.

Die Fachgesellschaft für Augenheilkunde hat noch ein weiteres Problem ausgemacht: das blaue Licht des Smartphones. Das stehe im Verdacht, Schäden an der Netzhaut und den Sehzellen zu verursachen. Unter Forschenden ist das aber umstritten.

Brille-Tragen verschlechtert die Sehkraft nicht

Augenarzt Ludger Wollring räumt mit dem Mythos auf, das Tragen einer Brille würde die Sehkraft noch weiter vermindern. Das schlechte Sehen werden nicht dadurch besser, dass man keine Brille trage, sondern man würde sich einfach an das schlechte Sehen gewöhnen. Wer Probleme mit den Augen hat, wird aber feststellen, das gute Lichtverhältnisse das Sehen erleichtern.

"Das ist ein Gerücht. Man kann sich zwar, wenn man auf die Brille verzichtet oder auf die Sehhilfe überhaupt – Kontaktlinsen zählen ja auch dazu –, an das schlechte Sehen gewöhnen. Aber einen Effekt auf den Sehfehler hat das nicht."
Ludger Wollring, Augenarzt

Manche Menschen sind vorbelastet, weil bereits ihre Eltern kurzsichtig waren. Das heißt, sie haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, ebenfalls kurzsichtig zu werden. Dazu kommen meist aber noch andere Faktoren. Wer an Diabetes leidet, hat ebenfalls ein höheres Risiko, an einer Augenkrankheit zu erkranken.