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Es gab sexualisierte Gewalt in der Kirche: Das bestreitet niemand mehr. Doch gestritten wird um die Aufarbeitung und die Konsequenzen. Im Erzbistum Köln wird heute (18. März) ein Gutachten vorgelegt. Es ist das zweite, das erste wird bis heute zurückgehalten.

Die Aufarbeitung durch das Erzbistum Köln werfe viele Fragen auf, findet Christiane Florin aus der Dlf-Redaktion Religion und Gesellschaft. Zum Beispiel, warum das erste Gutachten, das im März 2020 veröffentlicht werden sollte, eben nicht erschien. Es wurde vom Erzbistum Köln in Auftrag gegeben und von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl erstellt. Die Erklärung für das Nicht-Erscheinen war, dass das Gutachten auch moralisch bewerte, so Christiane Florin. "Es werde nicht zwischen Tatsachen und Bewertungen unterschieden."

Erzbistum Köln: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Im Gutachten wurde dem Erzbistum vorgehalten, keine Empathie für die Opfer gezeigt zu haben. Die Kirche sei den Opfern nicht gerecht geworden. Laut Gutachten habe in Köln ein totalitäres Herrschaftssystem bestanden – vor allem unter Kardinal Joachim Meisner. Er war von 1989 bis 2014 Erzbischof von Köln. Sein Nachfolger ist Kardinal Rainer Maria Woelki.

"Ich frage mich jetzt, wie der neue Gutachter das bewerten will, ohne moralische Bewegungen in Betracht zu ziehen", sagt Christiane Florin. Dieser neue Gutachter ist der Kölner Strafrechtler Björn Gercke. Das Bistum hatte ihn mit einem zweiten Gutachten beauftragt. Das will sich auf Verstöße gegen das Kirchen- und Strafrecht konzentrieren.

"Das ist natürlich ein strafrechtlicher Abgrund, aber eben auch ein moralischer, der sich da auftut."
Christiane Florin, Dlf-Redaktion Religion und Gesellschaft

Doch Aufarbeitung sexualisierter Gewalt bedeute mehr als eine reine Rechtsprüfung, findet Christiane Florin. Mangelnde Empathie bis hin zu Vorwürfen der Niedertracht gegenüber den Betroffenen, sind keine Straftatbestände. Aber: "Trotzdem würde Aufarbeitung auch das benennen müssen."

"Ich bin sehr gespannt, wie die Frage der Moral in dem neuen Gutachten verhandelt wird."
Christiane Florin, Dlf-Redaktion Religion und Gesellschaft

Neben moralischen Fragen, geht es aber natürlich auch um Rechtsfragen. Da versuchten sich manche Verantwortlichen in der Kirche zurzeit herauszureden, so Christiane Florin. Welche Auswirkungen und Folgen sexualisierte Gewalt auf Kinder und Jugendliche habe, hätte man lange nicht wirklich gewusst.

Die Taten sollten vertuscht werden

"Aber da habe ich große Zweifel, wenn gesagt wird, uns war nicht klar, welches Leid das anrichtet", sagt Christiane Florin. Denn wenn das wirklich so gewesen wäre, dann stellt sich die Frage, warum mit so viel Energie und Ehrgeiz die Taten vertuscht wurden.

Denn dass vertuscht worden sei, das sei offenkundig, so Christiane Florin. Die Öffentlichkeit sollte nichts davon erfahren; Debatten über Priester und die Kirche insgesamt sollten verhindert werden.