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Mitte August haben die Taliban die Macht in Kabul übernommen. Christoph Reuter vom Magazin "Der Spiegel" ist in der afghanischen Hauptstadt. Die Menschen hätten Angst, so der Reporter. Doch einige nehmen ihren Mut zusammen und demonstrieren gegen die neuen Machthaber.

Tagsüber sieht Kabul fast aus wie früher, sagt Christoph Reuter. Früher bezeichnet die Zeit vor der Machtübernahme durch die Taliban. Am Tag füllt sich die Hauptstadt mit Menschen. Doch die das Straßenbild hat sich verändert: Männer mit langen Bärten patrouillieren, ihre Kalaschnikow im Anschlag, so der Reporter vom Magazin "Der Spiegel".

"In Kabul sind nun langbärtige Männer mit Sonnenbrillen und Kalaschnikows zu sehen."
Christoph Reuter, Reporter beim Magazin "Der Spiegel"

Die Menschen in Kabul hätten Angst. Aber die wird erst deutlich, wenn man mit den Menschen spricht, so Christoph Reuter. Die Angst werde auch deutlich nach Sonnenuntergang: "Dann sind die Straßen sehr schnell fast menschenleer."

"Die Angst, die durchaus vorhanden ist, kriegen sie erst mit, wenn sie mit Leuten reden."
Christoph Reuter, Reporter beim Magazin "Der Spiegel"

Es gibt auch viele Menschen, die seit der Machtübernahme der Taliban nicht mehr das Haus verlassen. Dazu gehören Journalisten und Journalistinnen. Ebenso Personen, die für die Regierung gearbeitet haben. Generell bleiben viele Frauen nun lieber zu Hause. "Diese Menschen sehen sie nicht auf der Straße", sagt der Reporter. Von ihren Ängsten erfährt man erst, wenn man sie zu Hause oder an einem sicheren Ort trifft.

Straßenszene in Kabul; zwei Männer laufen auf einem Markt vor einem Stand mit vielen Glühbirnen (15.9.2021)
© IMAGO I Xinhua
Tagsüber scheint fast Alltag zu herrschen in Kabul. Aber das trügt.

In der Hauptstadt kommt es zu Verhaftungen. Und nicht durch zwei Polizisten oder Angehörige der Taliban, "Sondern vor der Tür stehen dann drei Pick-ups mit aufmontiertem Maschinengewehr und 15 Mann mit Kalaschnikows", berichtet Christoph Reuter.

Es gibt Proteste, aber die werden unterdrückt

Zugleich gibt es Demonstrationen gegen die Taliban. Das Foto im Titel zeigt einen Protest vom 7. September. Frauen und auch Männer versammelten sich vor der Botschaft Pakistans. Das Nachbarland unterstützt die Taliban. Dagegen richtete sich der Ärger der Menschen.

Zuletzt gab es auch Protest gegen die Angriffe der Taliban im Pandschir-Tal. Dort gibt es Widerstand gegen die neuen Machthaber. "Es war eine anwachsende Demonstration", erzählt Christoph Reuter. Vor allem beteiligten sich Frauen, aber auch Männer. Die Taliban waren ratlos, so der Reporter. Sie hätten die Leute beschimpft und Barrikaden gebaut, aber sie konnten sie nicht stoppen. "Die Leute sind einfach weiter gelaufen", bis die Taliban-Kämpfer eine Minute lang in die Luft schossen. Da sei klar gewesen: Bei der nächsten Eskalation schießen die Taliban in die Menge. Dennoch gäbe es immer wieder Menschen, die so mutig sind, um zu demonstrieren.

"Es gibt Leute, die haben unfassbaren Mut und demonstrieren aus den unterschiedlichsten Gründen."
Christoph Reuter, Reporter beim Magazin "Der Spiegel"

Auch in Kandahar, im Süden Afghanistans, gab es Proteste. Dort sollten rund 3000 Familien eine Wohnsiedlung räumen. Tausende Menschen demonstrierten dagegen.

Taliban wollen kein Massaker

Bislang halten sich die Taliban zurück, sagt Christoph Reuter, sie lassen Proteste in Maßen zu. Denn die Taliban wissen, wenn sie jetzt ein Massaker anrichten, zum Beispiel bei einer Demonstration, wird es sehr viel schwieriger für sie, den Rest der Welt zu überzeugen, dass sie eine rechtmäßige Regierung sind, so Christoph Reuter. Dennoch könnten Proteste plötzlich eskalieren.