In Indien ist es verboten, Menschen aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit zu diskriminieren. Dennoch gibt es weiterhin ausgrenzende soziale Normen. Zwei Vorträge über Regeln und Gesetze der Ethnologin Ursula Rao und des Juristen Christoph Möllers.

Gesetze legen Verhaltensregeln fest, an die sich jede und jeder halten muss, die unter diesem Gesetz leben. Sie regeln – meist schriftlich – was erlaubt ist und was verboten ist. Doch Gesetze sind nicht die einzigen Regeln, die wir im Alltag befolgen.

"Indien hat sich massiv gewandelt und für manche Bürger spielen Kasten kaum mehr eine Rolle. Tief eingegraben in den Habitus, in das Körperwissen ist jedoch die konsequente, körperlich verfasste Abgrenzung nach unten."
Ursula Rao, Ethnologin

Wir leben immer auch nach "unsichtbaren" Regeln, das sind häufig Gewohnheiten, die wir oft gar nicht wahrnehmen, weil sie uns so selbstverständlich erscheinen. Diese Verhaltensweisen, dieses "das macht man halt so", spielt eine entscheidende Rolle dafür, dass in Indien weiterhin Menschen aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit ausgegrenzt werden, sagt die Ethnologin Ursula Rao, obwohl das gesetzlich verboten ist.

Ursula Rao leitet die Abteilung "Ethnologie, Politik und Governance" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. In ihrem Vortrag erzählt sie am Beispiel der Verwendung digitaler Fingerscanner zur Arbeitszeiterfassung, wie Normen von Kastenzugehörigkeit und Ausgrenzung fortgeführt werden, ohne dass dies immer bewusst getan wird.

"Verstöße gegen Kastenregeln werden durch ein dichtes Netz von sozialen Reglementierungen unterbunden."
Ursula Rao, Ethnologin

Soziale Normen sind schwer greifbar

Im zweiten Vortrag geht es um die grundsätzliche Frage, was soziale Normen überhaupt sind, wie sie wirken und wie sie sich beschreiben lassen. Christoph Möllers ist Professor für Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Soziale Normen, sagt er, sind schwer zu verstehen. Sie können geschriebene Regeln sein, Befehle oder einfach Gewohnheiten, die wir akzeptieren.

"Wir wollen, dass Leute sich auf eine bestimmte Art und Weise orientieren und eine bestimmte Art von Verhalten an den Tag legen. Das ist das Ziel des Normativen. Jetzt könnte man sagen, das ist eigentlich unbestreitbar – aber vielleicht gibt es doch ein Problem."
Christoph Möllers, Rechtswissenschaftler

Wir wissen gar nicht genau, wie soziale Normen wirken, argumentiert Christoph Möllers. Zum Beispiel bestehen sie auch dann weiter, wenn wir sie brechen, das heißt, wenn ihre vermeintliche Funktion, ein bestimmtes Verhalten in uns zu erzeugen, gar nicht erfüllen.

Ursula Rao ist Direktorin der Abteilung "Ethnologie, Politik und Governance" am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. Ihr Vortrag hat den Titel "Den Alltag regeln: Gesetz, Gesetzmäßigkeit, Gewohnheit".

Christoph Möllers ist Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Sein Vortrag hat den Titel "Der soziale Raum des Normativen".

Beide Vorträge wurden am 29. September 2023 in Halle (Saale) gehalten, im Rahmen der Jahresversammlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die den Titel hatte "Gesetz(e): Regeln der Wirklichkeit - Regeln für die Wirklichkeit".

Soziale Normen
vom 04. Januar 2024
Die unsichtbaren Regeln unseres Alltags
Moderation: 
Sibylle Salewski
Vortragende: 
Ursula Rao, Ethnologin, Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung Halle
Vortragender: 
Christoph Möllers, Rechtswissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Vortrag von Ursula Rao "Den Alltag regeln: Gesetz, Gesetzmäßigkeit, Gewohnheit"
  • Vortrag von Christoph Möllers "Der soziale Raum des Normativen"