Zum Jahreswechsel ziehen viele Menschen Bilanz. Dabei kommt häufig ein Gefühl auf: Es ist ja alles ganz schlimm. Das ist nicht nur undifferenziert, sondern schlichtweg falsch, sagt Soziologe Martin Schröder.

Man muss die wahren Gefahren kennen: "In der Badewanne zu ertrinken ist zweimal so wahrscheinlich wie an einem Terror-Angriff zu sterben", sagt der Soziologie-Professor Martin Schröder. Er hat das Buch geschrieben "Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden". Sein Ziel: "Ich will verstehen, wie es wirklich ist!"

Wir haben viel zu viel Angst

Schröder hat sich dafür etliche Themen vorgenommen, die uns besonders große Angst machen. Von Terrorismus über Armut bis Kriminalität. So wird zum Beispiel häufig überschätzt, wie viele Morde pro Jahr in Deutschland geschehen. Im Jahr 2017 waren es zum Beispiel 405. Das ist zwar eine deutliche Steigerung (2016 waren es 373 und 2015 noch 296), aber auf absolut gesehen niedrigem Niveau. Die Wahrscheinlichkeit, selbst ermordet zu werden, ist eben sehr gering. Das wir trotzdem Angst haben, hängt mit unserer Wahrnehmung der Welt zusammen.

"Es geht darum, dem eigenen Gefühl Zahlen, Daten und Fakten entgegen zu setzen."
Soziologe Martin Schröder

Wir nehmen negative Ereignisse oder Meldungen stärker wahr als positive. Evolutiv ergibt ist das durchaus Sinn, ist aber heutzutage häufig wenig hilfreich. Außerdem halten wir Dinge für wahrscheinlicher, an die wir uns einfacher erinnern können. Wer also zum Beispiel eine düstere Serie oder einen Tatort schaut, hält es am nächsten dunklen Wintermorgen für gefährlicher, einen einsamen Weg entlangzugehen. Soziologen nennen das Verfügbarkeits-Bias. "Wir handeln auf der Grundlage von gefühlten Wahrscheinlichkeiten", sagt Martin Schröder.

"Jeder hat das Recht auf eigene Gefühle. Aber nicht jeder hat das Recht auf eigene Fakten!"
Soziologe Martin Schröder

Dabei geht es Martin Schröder nicht darum, das Leid der Menschen, denen es schlecht geht, klein zu reden oder sie zu verurteilen. In Eine Stunde Talk erzählt er, was wir gegen unsere verzerrte Wahrnehmung tun können, wie er mit seiner Angst umgeht – und in welchen Bereichen es uns wirklich nicht gut geht.