Für Jasmina Hostert war lange nicht klar, ob sie in Deutschland bleiben kann. Sie ist als Kriegsflüchtling hierher gekommen. Heute sitzt sie als Abgeordnete im Bundestag. Sie beschreibt manche Gesetze als menschenverachtend und möchte es besser machen.

Als Jasmina Hostert Anfang der 1990er-Jahre mit ihrem Vater in Deutschland angekommen ist, hat sie sich sehnlichst gewünscht, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. Jasmina Hostert war damals neun Jahre alt und in ihrer Heimat, dem ehemaligen Jugoslawien, herrschte Krieg. An einem Tag hat sie mit ihren Freund*innen sorgenlos draußen gespielt, am nächsten Tag ging es ums Überleben. Es war der Beginn des Bosnienkriegs.

Stromausfälle, Lebensmittelknappheit, die Geräusche von Sirenen und Explosionen waren der neue Alltag der Menschen dort. Das Leben in Freiheit, das die damals neunjährige Jasmina Hostert kannte, gab es plötzlich nicht mehr.

"Man hat das Vertrauen, das man als Kind hatte – in dieses Land, in die Gesellschaft, in das Leben – verloren. Es herrschte Lebensgefahr – jeden Tag und jede Nacht."
Jasmina Hostert über den Beginn des Bosnienkriegs

Flucht ins Ausland

Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn wurde Jasmina Hostert durch die Explosion einer Granate so schwer verletzt, dass die Ärzt*innen einen ihrer Arme amputieren mussten. "Als ich in Sarajevo aus der Narkose aufgewacht bin, wusste ich, was mit meinem Arm passiert ist. Der Armverlust war für mich in dem Moment eine absolute Katastrophe", sagt sie. Gleichzeitig waren sie und ihre Familie froh, dass sie die Explosion überhaupt überlebt hatte.

Als sich die Wunde entzündet hat und die Neunjährige weiter medizinisch versorgt werden musste, hat ihre Familie beschlossen, dass Jasmina Hostert zusammen mit ihrem Vater ins Ausland flieht. Aus Sarajevo sind sie über Kroatien und Slowenien mit dem Nachtzug nach Deutschland gekommen.

An die Flucht kann sich die heute 39-Jährige gut erinnern. "Wir mussten unsere Flucht selbst organisieren, was in diesem ersten Kriegsjahr sehr anspruchsvoll war, weil Sarajevo umzingelt war. Es gab nur eine Stelle, an der man es schaffen konnte, innerhalb von zwei Stunden bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dieser Stadt zu gelangen", erzählt sie. Eines Abends hat sie sich dann zusammen mit ihrem Vater und einer Kleingruppe auf den Weg gemacht. Die Flucht durch das Kriegsgebiet war lebensgefährlich, aber sie haben es nach Bonn geschafft.

"Ich wollte meine Heimat nicht verlassen. Als sich aber meine Verletzung entzündet hatte, musste ich unbedingt ins Ausland, um weiter operiert zu werden."
Jasmina Hostert über die Entscheidung, aus Sarajevo zu fliehen

Neuanfang in Deutschland

Ihre Familie zurückzulassen, konnte sie nur schwer ertragen, sagt sie. "Man ist zwar in Deutschland in Sicherheit, aber du fragst dich jeden Tag, was dort passiert: Wie geht es weiter in Bosnien? Wann hört dieser Krieg endlich auf? Wie geht es der Familie?"

Doch der Krieg in Bosnien hörte nicht auf. Jasmina Hostert und ihr Vater konnten nicht zurück. Stattdessen ist sie in Deutschland zur Schule gegangen, hat Deutsch gelernt und neue Freunde gefunden. Als der Bosnienkrieg Ende 1995 für beendet erklärt wurde, war Jasmina Hostert ein Teenager. "Ich habe mich gut eingelebt, gut integriert, hatte viel Unterstützung bekommen. Es war alles gut, wie es war", sagt sie. Zurück nach Sarajevo wollte sie nicht mehr.

"Ich erinnere mich sehr gut an meine Kindheit in Bosnien: an die schöne Kindheit vor dem Kriegsausbruch, an die Zeit in der Grundschule und natürlich auch an dieses furchtbare Jahr im Krieg."
Jasmina Hostert über ihre Heimat in Bosnien

Die Politik in der Biografie

Als ihr Vater 1997 ohne sie nach Bosnien zurückgekehrt ist, hat die ehemalige Lehrerin Maria Hostert ihre Pflegschaft übernommen. Von ihr hat Jasmina Hostert auch den Nachnamen angenommen.

Die Themen Flucht und Integration beschäftigen sie heute weiter. Jasmina Hostert sitzt für die SPD im Bundestag. Dass sie heute Berufspolitikerin ist, hat sich im Laufe ihres Lebens so ergeben, sagt sie. "Ich hatte als Flüchtlingskind in Deutschland viel mit Politik zu tun, ohne es zu wollen. Mein Bleiberecht hing von der Politik ab, von den Gesetzen, die gemacht wurden." Die beschreibt sie teilweise als menschenverachtend. Sie möchte es daher heute als Politikerin einmal besser machen.

"Ich habe erst 2003 meine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bekommen. Das war zehn Jahre nach Kriegsbeginn. Da habe ich schon studiert."
Jasmina Hostert hat nach über zehn Jahren in Deutschland eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten

Im Gespräch mit Sebastian Sonntag erzählt Jasmina Hostert noch mehr über ihre Arbeit als Politikerin, über ihre Motivation und die Themen, die sie in ihrem Job bewegen. Ihr erfahrt außerdem mehr über ihre Fluchterfahrung und ihre Anfangsjahre in Deutschland. Klickt dafür oben auf den Play-Button.

  • Moderator:  Sebastian Sonntag
  • Gesprächspartnerin:  Jasmina Hostert, Politikerin, sitzt für die SPD im Bundestag