Mit Spießern ins Gespräch zu kommen, ist gar nicht so einfach. Nail Al Saidi hat es versucht. Beim Schützenverein und bei seiner Nachbarin. Erkenntnis: Manche sind gar keine Spießer, andere schon - mit guten Gründen.

DRadio-Wissen-Reporter Nail Al Saidi wollte mal mit echten Spießern reden. Er hat sich aufgemacht nach Bochum, wo die Maischützen traditionsgemäß durch die Straßen marschieren. Nail hat auch einen vermeintlichen Spießer gefunden, der ihm Auskunft gibt: Oberst Olaf Rappold vom Fröndenberger-Schützenverein. Er war nicht mal bei der Bundeswehr, sondern hat Zivildienst gemacht. Und er gibt Nail zu verstehen: Ein Schützenverein ist mehr als Schießen, er ist eine Gemeinschaft für die ganze Familie. Mittlerweile hat der Verein zwei türkische Schützen.

"Wenn man Spießertum mit Engstirnigkeit gleichsetzt, komme ich beim Schützen Oberst Rappold nicht weit. Er ist einfach zu aufgeklärt und weltoffen."
DRadio-Wissen-Reporter Nail Al Saidi

Nail versucht es bei seiner Nachbarin. Die hat ihn kürzlich ermahnt, er dürfe nicht mit dem Fahrrad durch ihre Privatstraße fahren, nur zu Fuß gehen sei erlaubt. Er konterte, dass er schon niemanden tot fahren wird - und fuhr weiter.

Nun also das Friedensangebot. Nail klingelt bei der Nachbarin, er wolle mit ihr über die Geschehnisse reden. Sie bügelt ihn ab. Warum bloß? Nail wollte wirklich verstehen, warum sie so darauf beharrt, dass in ihrer Straße nicht mit dem Fahrrad gefahren wird.

Fehlendes Vertrauen

Die Expertin für Streitschlichtung Anja Buschmann ist Mediatorin in Bochum. Sie erklärt das Verhalten der Nachbarin mit Angst und fehlendem Vertrauen, dass bei einem Gespräch etwas Gutes für sie herauskommen kann: "Sagen 'ich hab keine Zeit', den Hund bellen lassen - das sind alles Manöver um Distanz aufzubauen. Ich bin eigentlich davon überzeugt, dass die Frau das Gegenteil will, aber ihr fehlt das Vertrauen, dass so was möglich ist."

Distanz aufbauen - deshalb soll in der Straße auch niemand Fahrrad fahren. Die Anwohner wollen unter sich bleiben. Die Straße komplett sperren können sie nicht. Die Stadt hat sie per Zwang für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Nail bringt jetzt übrigens mehr Verständnis für die Nachbarin auf und will demnächst nicht mehr durch die Straße fahren - und im Zweifelsfall nochmal versuchen, mit ihr zu sprechen.