"Das Leben danach" ist ein Spielfilm, der sich mit dem Schicksal eines Opfers der Loveparade-Katastrophe von Duisburg befasst. Ist das pietätlos oder völlig in Ordnung? Warum sind Filme nach wahren Begebenheiten eigentlich so reizvoll?

"Das Leben danach" kommt im Sommer ins Fernsehen, seine Premiere war bereits am 23.06.2017 beim Filmfest in München. Eine WAZ-Meldung zum Thema bei Facebook hat bei vielen Usern Empörung ausgelöst – sie halten einen Spielfilm zum Thema für pietätlos. Bei der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli 2010 in Duisburg starben 21 Menschen, 541 wurden schwer verletzt. Außerdem begingen mehrere Überlebende der Katastrophe Selbstmord.

Für Filmemacher und Zuschauer sind Filme reizvoll, die auf wahren Begebenheiten beruhen, sagt der Filmwissenschaftler Tobias Haupts.

"Die Filme haben einen bestimmten Live-Charakter. Man wird Augenzeuge von etwas, das sich einmal so zugetragen hat."

Für die Filmemacher selbst sei der Wermutstropfen, dass sie keine – oder nur wenig – eigene Fantasie anwenden können, sondern etwas benutzen, dass man schon gefunden hat. Das Umgehen mit Geschichte sei aber schwierig, sagt Tobias Haupts. Denn Geschichte erfordere Interpretation, Analyse und Deutungshoheit.

Auf der Suche nach der Deutungshoheit

Beispiel "Titanic": 1912, schon kurz nach dem Untergang der RMS Titanic am 14. April 1912, kam die Geschichte bereits das erste Mal ins Kino. Anschließend sei die Geschichte immer wieder verfilmt worden. Das, was man über die Titanic wusste, habe den Inhalt des Films sehr verändert. Erst in den Achtiger Jahren habe man etwa gewusst, dass das Schiff auseinandergebrochen sei, bevor es sank. In den Verfilmungen davor sei sie als Ganzes gesunken, so Tobias Haupts.

"Die sogenannten 'wahren Begebenheiten' sind dann urplötzlich anders, als man sie vorher kannte."

Im Drama oder Melodrama sind klassische Muster, um Geschichte erlebbar zu machen etwa die Trennung der Geliebten oder der Held, der sich am Ende der Bedrohung entgegenstellt, um jemanden zu retten, erklärt Tobias Haupts.

Den "richtigen Zeitpunkt" gibt es nicht

Die Loveparade-Katastrophe liegt – im Gegensatz etwa zum Titanic-Unglück – erst sehr kurze Zeit zurück und ist juristisch noch gar nicht aufgeklärt. Der "richtige Zeitpunkt", solche Filme zu zeigen, lässt sich aber kaum feststellen, glaubt Haupts. Denn wer entscheide das? Wer habe hier die Deutungshoheit? 

Am Ende müsse sich ein Regisseur einem Thema mit Fingerspitzengefühl nähern – und alles tun, um den Vorwurf, schnelles Geld machen zu wollen, zu entkräften.