Sprache ist mehr als ein bloßes Kommunikationsmittel. Unsere Sprache spielt für unsere Identität eine sehr große Rolle, glauben Sprachforscher. Sie steht in engem Zusammenhang mit unserer Wahrnehmung und unseren Denkstrukturen.

"Wenn du deine Sprache verlierst, verlierst du deine Identität". So erklärte Majdalin Hilmi einmal in einer DRadio Wissen-Reportage, warum sie ehrenamtlich und in langwieriger Kleinarbeit Sprachforschern dabei helfe, ihre Muttersprache zu dokumentieren. Ihr Sprache, das Kabardinisch, ist vom Aussterben bedroht. Jede Sprache, die man spreche, so zitierte Majdalin Hilmi ein arabisches Sprichwort, stelle eine andere Persönlichkeit in uns dar.

"Every language is another person in you."
Majdalin Hilmi

Wie stark Sprache und Identität tatsächlich zusammen hängen, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Dass die Sprache eine große Rolle spielt, davon ist der Sprachwissenschaftler Andreas Gardt aber überzeugt.

Die These, dass die jeweilige Sprache, die wir sprechen, unsere kognitiven Muster zumindest beeinflusst, stammt bereits aus dem 18. Jahrhundert. Neben zahlreichen anderen Forschern, die sich damit befassten, sind vor allem die Amerikaner Edward Sapir und Benjamin Whorf mit der Idee verknüpft, dass wenn Menschen unterschiedlich sprechen, sie auch unterschiedlich denken.

"Wir sehen die Welt anders, je nachdem in welcher Sprache wir uns bewegen."

Tatsächlich weisen mittlerweile eine ganze Reihe von Experimenten auf eine Verbindung von Denken und Sprache hin, erklärt Andreas Gardt. So zeigen etwa Studien zu Blickbewegungen, dass die grammatischen Spezifika einer Sprache beeinflussen, wie wir Ereignisse wahrnehmen. Englischsprachige Menschen, in deren Sprache es eine Verlaufsform wie "I am going" gibt, konzentrieren sich eher auf den Verlauf einer Handlung, während deutsche Sprecher eher auf den Endpunkt fokussieren.

Ähnliches lässt sich unter anderem auch für die Wahrnehmung von Objekten oder Zeit zeigen. Allerdings, so Andreas Gardt, lässt sich nicht sagen, ob nun Sprache Denken oder Denken Sprache beeinflusst. Nur, dass die beiden zusammenhängen, ist klar.

Wenn eine Sprache durch ihre bestimmten Strukturen unser Denken beeinflusst, dann werden wir mit einer anderen Sprache auch mehr oder weniger zu anderen Menschen."

Dass die Sprache so eng verknüpft ist mit unserer Identität, könnte auch erklären, warum Einflüsse auf unsere Sprache - sei es von innen durch Slang etwa oder von außen durch Fremdsprachen - oftmals als sehr starke Bedrohung wahrgenommen und extrem emotional diskutiert werden. Andreas Gardt plädiert da für ein wenig mehr Gelassenheit: Sprache verändere sich nun mal ständig.

"Was, wenn die identitätsstiftende Komponente der Sprache gefährdet ist?"

Andreas Gardt lehrt Germanistische Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte an der Uni Kassel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt das Verhältnis von Sprache zu politischer und kultureller Identität. Mit seinem Vortrag "Sprache und Identität" hat er am 18. Mai 2016 den diesjährigen Akademientag der Union der Akademien der Wissenschaften eröffnet, der dieses Jahr unter dem Titel "Sprache und Sprachen: kulturell, politisch, technisch" stattfand.

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