Das Stanford Prison Experiment zählt zu den Grundlagen im Psychologie-Studium. Psychologe Philip Zimbardo hatte den Gefängnis-Versuch 1971 mit Studierenden im Keller der Stanford Universität durchgeführt. Inzwischen wird Kritik an den Ergebnissen laut – mehrere Forschende haben gefordert, dass die Studie überprüft werden sollte.

Für das Stanford Prison Experiment rekrutierte der Psychologe Philip Zimbardo 18 zufällig ausgesuchte Studenten als Probanden. Die teilte er in zwei Gruppen auf: Neun Probanden bekamen die Rolle von Gefängnisinsassen und die anderen neun sollten sich als Gefängniswärter zwei Wochen lang um die Gefangenen kümmern. Versuchsleiter Philip Zimbardo übernahm selbst die Rolle des Gefängnisdirektors.

"So the conclusion of this study is this: powerful social situations can transform the identity of good people in negative ways."
Philip Zimbardo, Psychologe
Philip Zimbardo ist der Versuchsleiter beim Standford-Prison-Experiment.
© PrisonExp.org
Der Versuchsleiter war als Gefängnisdirektor bei der Durchführung des Stanford-Prison-Experiments beteiligt.

Im Verlauf des Versuchs wurden die Wärter zunehmend unfairer und brutaler. Der Studienleiter entschied deshalb nach sechs Tagen, den Versuch abzubrechen.

Als Kernaussage leitete Philip Zimbardo aus diesem Experiment ab, dass jeder Mensch dazu fähig sei, Böses zu tun und Macht über andere auszuüben. Entscheidend dafür seien die äußeren Umstände – nicht die Menschen selbst.

Der inzwischen 86-jährige Psychologe glaubt, dass damit viele Gräueltaten der Menschheitsgeschichte erklärt werden können und ist mit dieser These bekannt geworden. Inzwischen kritisieren Forschende vermehrt, wie das Experiment durchgeführt und welche Ergebnisse daraus abgeleitet wurden.

"Da ist nichts, rein gar nicht Wissenschaftliches an diesem Experiment. Meines Erachtens müsste es aus den Psychologiebüchern entfernt werden. Oder man behält es als Beispiel dafür, wie schlechte Wissenschaft funktioniert."
Thibault Le Texier, Geisteswissenschaftler an der Universität Nizza

Das Gefängnis-Experiment: Machtgefälle führte zu Missbrauch

Die Studierenden, die in verteilten Rollen als Wärter und Gefangene eingeteilt wurden, trugen entsprechende Uniformen. Gefangene bekamen Nummern zugeteilt, mit denen sie angesprochen werden sollten. Die Gefängniswärter erhielten verspiegelte Sonnenbrillen, die den direkten Augenkontakt unmöglich machten.

Der Leiter des Experiments gab den Teilnehmern nach eigenen Aussagen nur wenige Anweisungen dazu, wie sie sich verhalten sollten. Philip Zimbardo schloss aus dem Verhalten der Probanden, dass die Situation im Versuch der in einem echten Gefängnis sehr nahe komme – Grausamkeiten, unmenschliche Behandlung und massive Nichtachtung von Mitmenschen inklusive.

Kritikpunkte an Zimbardos Gefängnis-Experiment

Der französische Geisteswissenschaftler Thibault Le Texier von der Universität Nizza hat ein Buch veröffentlicht, in dem er die Ergebnisse des Gefängnis-Experiments detailliert untersucht, einordnet und Kritik am Aufbau und den Ergebnissen übt.

Darin kritisiert er zum Beispiel die Aussage Philip Zimbardos, dass das Benehmen der Wärter völlig improvisiert gewesen und aus der simulierten Gefängnissituation heraus entstanden sein soll. Erste Zweifel an der Methodik des Versuchs bekam Le Texier als er das sogenannte Schlafsaal-Experiment in den Archiven der Stanford Universität entdeckte, das Studenten von Philip Zimbardo drei Monate zuvor durchgeführt hatten.

Der französische Geisteswissenschaftler ist der Meinung, dass der inzwischen 86-jährige US-amerikanische Psychologe viele Elemente daraus kopiert habe und sein Experiment nicht völlig improvisiert gewesen sei, wie er behauptet.

Filmaufnahmen während des Stanford-Prison-Experiments.
© PrisonExp.org
Filmaufnahmen während des Stanford-Prison-Experiments

Gefängniswärter sollen über erwünschte Ergebnisse informiert gewesen sein

Thibault LeTexier sagt, dass die Studierenden in der Rolle der Gefängniswärter die ganze Zeit eine Rolle gespielt hätten, bei der sie genau gewusst haben, was das erwünschte Ergebnis der Wissenschaftler sei. Die Forscher hätten sogar ins Geschehen eingegriffen und Anweisungen gegeben, was er mit vorhandenem Audio-Material belegt. Die Aufnahme zeige, dass einer der Strafvollzugsbeamten sich zurückzog, weil er offensichtlich keine Lust hatte, ins Geschehen einzugreifen. Ein Wissenschaftler spricht mit dem Versuchsteilnehmer darüber, dass alle Gefängniswärter hart durchgreifen müssten. Die Anweisung ermutigt den Probanden explizit dazu, Härte zu zeigen.

"The guards have to know that every guard has to be a tough guard… you have to be firm and in the action."
Ausschnitt aus dem Audio-Material, das während des Experiments aufgezeichnet wurde

Andere Wissenschaftler kritisieren außerdem, dass Philip Zimbardo als Versuchsleiter die Rolle des Gefängnisdirektors übernommen hatte. Der Psychologe gesteht ein, dass das ein Fehler war.

Forschende fordern Überprüfung des Experiments

Mehr als 150 Wissenschaftler haben inzwischen einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie fordern, die Ergebnisse des Stanford-Prison-Experiments wissenschaftlich zu prüfen.