Für stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt wünscht sich der Bundespräsident eine Debatte über eine soziale Pflichtzeit für junge Menschen. Eine gute Idee?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier regt die Einführung eines sozialen Pflichtdiensts für junge Menschen in Deutschland an. In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" sagte er, dass dieser kein Jahr lang sein müsse, aber von allen für einen gewissen Zeitraum beispielsweise in einer Behinderteneinrichtung, bei der Seniorenbetreuung oder in der Obdachlosenhilfe geleistet werden solle.

Aus der eigenen Blase treten, sich mit Menschen beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht viel zu tun hat, verschiedene Sichtweisen kennenlernen und Vorurteile abbauen – das alles sind laut Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Minh Thu Tran wichtige Argumente für einen Pflichtdienst.

Pflichtdienst könnte missbraucht werden

Zukunftsforscher Daniel Dettling vom Think Tank "Zukunftsinstitut" bestätigt das im Podcast "Mal angenommen": Die Gesellschaft könnte näher zusammenrücken, wenn junge Menschen sichtbar einen Dienst machen und sich engagieren.

Aber er sagt auch: "Das ist nicht das Idealbild einer freien, liberalen, demokratischen Gesellschaft, dass man einen solchen Zwangsdienst machen muss." Er befürchtet, dass der Pflichtdienst missbraucht werden kann – beispielsweise in Bereichen, in denen ohnehin schon Fachkräftemangel herrscht.

Pflichtdienst bräuchte Änderung des Grundgesetzes

Das Grundgesetz sieht keinen verpflichtenden Dienst für alle vor. Würde Steinmeiers Vorschlag also Anklang finden, müsste das erst einmal geändert werden. Eine Grundgesetzänderung ist nur mit einer Zweidrittel-Mehrheit möglich.

Diese hohen juristischen Hürden gegen Zwangsarbeit oder eine verpflichtende Dienstzeit haben auch einen Grund. "Im Nationalsozialismus gab es den Reichsarbeitsdienst, bei dem junge Menschen zur Arbeit eingezogen wurden", sagt Minh Thu Tran. "Sie sollten so im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie erzogen werden und eine militärische Grundausbildung erhalten."

"80.000 Menschen pro Jahr machen ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr oder arbeiten im Bundesfreiwilligendienst."
Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Minh Thu Tran

Mit zum Beispiel dem freiwilligen ökologischen oder sozialen Jahr gibt es schon Angebote für freiwillige Dienste. Würde ein solcher Dienst verpflichtend, würde die Zahl der Dienstleistenden aber deutlich steigen: Von aktuell 80.000 Freiwilligen pro Jahr auf über 700.000. So viele Menschen beenden jedes Jahr die Schule.

Eine Zahl, von der sich Sozialverbände wenig begeistert zeigen. Denn die sind sich nicht so sicher, was sie mit diesen ganzen jungen Menschen machen sollten. "Wir müssen uns daran erinnern, dass die ganz große Zahl von Wehrpflichtigen überhaupt nicht mehr eingezogen wurde – weder zur Bundeswehr noch zum Zivildienst", sagt Ulrich Schneider, der Geschäftsführer vom Paritätischen Gesamtverband. "Dadurch war das Ganze immer beherrschbar, und wir waren weit weg von über 700.000 Schulabgängern."

Alternativen zum Pflichtdienst

Minh Thu rechnet im Falle einer Einführung eines Pflichtdienstes außerdem mit neuen Kosten in Milliardenhöhe für den Bund. Denn Menschen, die ein Freiwilliges Jahr machen, können bis zu 300 Euro Taschengeld bekommen. Auch der Wehr- und Zivildienst früher war besoldet – und zwar mit deutlich mehr als dem jetzigen Taschengeld. Es sei also fraglich, ob der Bund sich das überhaupt leisten kann und will.

"Wenn wir sagen, Soziales ist so wichtig, dann sollte man soziale Praktika in die Schulcurricula einbauen. Das wäre der vernünftige Weg."
Ulrich Schneider, Geschäftsführer Paritätischer Gesamtverband über Alternativen zum Pflichtdienst

Alternativ könnte man auch die aktuellen Freiwilligen-Angebote attraktiver gestalten - zum Beispiel den Mindestlohn zahlen statt einem Taschengeld. Und ein Teilzeit-FSJ könnte es Menschen ermöglichen, sich neben der Arbeit zu engagieren.