Die Wikimedia-Foundation - die Muttergesellschaft der Wikipedia - will sehr viel Geld in die Entwicklung einer Suchmaschine stecken. Sind die Wikipedianer plötzlich verrückt geworden und werfen die Spendengelder der Community sinnlos aus dem Fenster?

Mitte Januar haben wir 15 Jahre Wikipedia gefeiert. Ein Meilenstein und ein ständiger Begleiter für uns alle. Doch vor einem Monat haben wir auch festgestellt: Der Lack ist ein bisschen ab bei Wikipedia.

  • Die Zahl der Autoren sinkt
  • Die Zahl der Streitigkeiten steigt

Kein Wunder also, dass die Muttergesellschaft der Wikipedia - die Wikimedia - nach neuen Projekten Ausschau hält. Und fündig geworden ist. Mehrere Millionen Dollar sollen in die Entwicklung einer Suchmaschine gehen. Suchmaschine? Moment. Da gibt es doch einen Platzhirschen mit dem Namen Google…

"Gewichtige Vertreter in der Wikimedia-Foundation glauben, dass man hier in eine völlig falsche Richtung marschiert."
Andreas Noll, DRadio Wissen Netzreporter

Dass es überhaupt in Richtung einer sehr umfassenden Suchmaschine geht, ist erst jetzt bekannt geworden. Als "Knowledge Engine" (also Wissens-Suchmaschine) war das Projekt im vergangenen Jahr mal publik geworden. Allerdings wurde das Ganze der Öffentlichkeit erst bekannt, als Community-Mitglieder sich vor fast einem Jahr wunderten, dass doch ziemlich viele Entwickler der Stiftung in einem Team arbeiten, das sich "Search and Discovery" nennt.

"Search and Discovery"

Womit die Entwickler beschäftigt waren, dazu gab es bisher keine befriedigenden Antworten der Stiftung. Das führte dazu, dass der Community-Vertreter im höchsten Entscheidungsgremium der Stiftung im vergangenen Dezember seinen Hut nehmen musste. Bis dahin gab es nicht viel mehr als ein paar diffuse Infos über das Projekt. Die gingen in Richtung: eine Suchmaschine, mit der man den Datenschatz der Wikipedia- und Schwesterprojekte besser finden kann.

Neue Transparenz

Wikimedia-Chefin Lila Tretikov hat jetzt Unterlagen veröffentlicht und einem Wikipedia-internen Newsletter wurden vertrauliche Infos zugespielt.

"In dem Design-Entwurf ist sehr klar zu sehen, dass die Suchmaschine auch andere Quellen als die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte auflistet: den extrem konservativen News-Sender Fox-News zum Beispiel."
Andreas Noll

Konfliktpotenzial: News

Wer das Selbstverständnis der Wikipedianer kennt, der weiß, dass das Aggregieren von News ein No-Go ist. Entsprechend schnell hat die Chefin von Wikimedia klargestellt, dass das Konzept längst verworfen wurde. Die Quellen, die man jetzt noch berücksichtigen wolle, seien alles offene Quellen mit vergleichbarem Anspruch wie Wikipedia (zum Beispiel die Digital Public Library of America).

Hohe Kosten

Doch Lila Tretikov hat auch bestätigt, dass das Projekt in den kommenden Jahren sehr viel Geld benötigen wird.

"Tretikov spricht von mehreren Millionen Dollar über einen Zeitraum von sechs Jahren."
Andreas Noll

Ein Großteil steuert angebliche die Knight-Foundation bei, die sich unter anderen für Qualitätsjournalismus einsetzt. Und Tretikov hat um Entschuldigung gebeten für die bisherige Informationspolitik.

Ist damit nun alles gut?

Im Gegenteil. Viele Community-Mitglieder sind sauer, dass das Projekt überhaupt verfolgt wird. Schon Wikimedia-Gründer Jimmy Wales war vor gut sieben Jahren mit dem ähnlichen Vorhaben "Wiki Search" spektakulär nach kurzer Zeit gescheitert.

"Ein Angriff auf Google, der das Projekt laut Wikimedia-Chefin aber gar nicht sein soll, ist lachhaft mit diesen Mitteln."
Andreas Noll

Da kann man das Geld sicher sinnvoller einsetzen. Wobei - wie heise.de schreibt - auch richtig ist, dass Wikipedia und die Schwesterprojekte eine bessere Suchfunktion schon verdient hätten. Aber eben nur das. Das ganz große Rad sollte Wikipedia vielleicht lieber nicht drehen wollen.