In Touristenshops in Berlin gibt es sie überall – kleine, bunte Betonstücke, die behaupten, einmal ein Teil der Berliner Mauer gewesen zu sein. Aber wie viele gibt es eigentlich davon und wo kommen sie her?

Nach dem Treffen der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja mit Paul Ziemiak und Alexander Dobrindt in Berlin, hält die Politikerin ein buntes Stück Beton umfasst in Glas in die Kameras und sagt: "I got a wonderful present. It’s a piece, it’s an original piece of the Berlin wall and it’s like a symbol of freedom." Ein symbolträchtiges Geschenk, das nicht zum ersten Mal bei derartigen Anlässen vergeben wurde. Auch Nelson Mandela oder die Stadt Montreal haben ein Stück Mauer von Deutschland erhalten. Dabei handelte es sich aber um deutlich größere Stücke, bis zu drei Tonnen schwer.

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Oft seien diese Geschenke in einem Rahmen gestiftet worden, in dem es um den Gedanken der europäischen Einigung und der Überwindung der Teilung gegangen sei, erklärt Historiker Ronny Heidenreich. Doch, egal wie groß, schwer oder zu welchem Anlass: Wo kommen die ehemaligen Mauerstücke her? Das wollte Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Lara Lorenz herausfinden.

Auf der Suche nach der Quelle

Erste Anlaufstelle: Das Büro von Paul Ziemiak. Doch weder dort, noch an fast allen Pressestellen des Bundestags kann Lara Lorenz weitergeholfen werden. Zwar gebe es wohl Geschenkabteilungen, da seien aber keine Mauerstücke zu finden. Derartige Geschenke würden von den Fraktionen oder Parteien selbst organisiert. Ein offizielles Lager mit Mauerstücken im Bundestag, das gebe es nicht und auch die CDU-Pressestelle wollte sich dazu nicht äußern, woher das Geschenk an Swetlana Tichanowskaja herkommt.

Zweite Anlaufstelle: Ronny Heidenreich. Er beschäftigt sich mit den Teilen der Berliner Mauer, die über die ganze Welt verstreut sind und ist Historiker beim Berliner Aufarbeitungsbeauftragten. Doch auch er muss Lara enttäuschen: Es könne gar keine Übersicht über alle Teile der Mauer geben, da sie damals von den unterschiedlichsten Institutionen wie dem Berliner Senat, aber auch Unternehmen oder Privatleuten abgebaut wurde. Viele witterten ein gutes Geschäft.

"Nein, es gibt keine Übersicht und es kann auch keine Übersicht geben, weil am Abbau der Berliner Mauer ganz verschiedene Institutionen beteiligt waren."
Ronny Heidenreich, Historiker

Inzwischen sind 400 bis 500 große Mauerstücke außerhalb von Berlin identifiziert. Ein Teil davon wurde kurz nach dem Mauerfall von der DDR-Regierung verkauft. Die Teile, die nicht mehr verkauft wurden, befanden sich dann in einem Lager in Berlin.

Das Mauerstücke-Lager in Berlin ist leer

Ronny Heidenreich erzählt, dass der Berliner Senat nach dem Ende der DDR die Rechtsnachfolge der übrigen Mauerteile übernommen hatte und sie an Städte und Politiker verschenken wollte, um an die Teilung Berlins zu erinnern.

"Mit dem 3.10. gab es die DDR nicht mehr und der Berliner Senat hat gesagt: 'Okay, wir übernehmen das irgendwie in Rechtsnachfolge und verschenken diese Mauerteile an andere Städte, Politiker, um daran zu erinnern, dass die Teilung Berlins überwunden wurde.'"
Ronny Heidenreich, Historiker

Es gab also ein Lager in Berlin. Doch das ist seit einigen Jahren schon aufgebraucht. Berlin kann also heutzutage keine Mauerstücke mehr verschenken. In Umlauf sind dennoch sehr viele von ihnen, sie befinden sich allerdings größtenteils in Privatbesitz.

"Mauerkauf ist Vertrauenssache"

Und dann gibt es noch die Touristenshops in Berlin. An vielen von den kleinen Mauersteinen, die dort verkauft werden, kleben Zertifikate, die ihre Echtheit beweisen sollen. Ronny Heidenreich hält nichts von ihnen. Sie seien definitiv selbstgebastelt. Und egal, um welches Stück es sich handelt: Mauerkauf sei Vertrauenssache, sagt er.

"Mauerkauf ist Vertrauenssache. Wenn Ihnen jemand sagt, dass das originale Mauer ist, dann ist man auf diese Aussage angewiesen."
Historiker Ronny Heidenreich über die Echtheit von Mauerstücken

Und das Stück Mauer von Swetlana Tichanowskaja? Ronny Heidenreich hat zumindest eine Vermutung: Ein Touristenshop. Denn seiner Ansicht nach, sei die Farbe auf dem Stück viel zu frisch und deshalb nicht original. Aber ganz genau könne er es wie alle anderen auch nicht beurteilen. Niemand könne das.