Das Assad-Regime führt seit Wochen im Nordosten Syriens Krieg gegen die Zivilbevölkerung. In der Provinz Idlib nahe der türkischen Grenze haben sich viele Geflüchtete aus anderen Landesteilen niedergelassen. Assad versuche, seine Feinde aus dem Land zu vertreiben, sagt die Syrien-Expertin Kristin Helberg.

Nach acht Jahren ist der Bürgerkrieg in Syrien immer noch nicht zu Ende. Vor allem im Nordwesten des Landes, in der Provinz Idlib nahe der türkischen Grenze, kämpfen syrische Regierungstruppen mit Unterstützung Russlands gegen Rebellentruppen. Seit vier Wochen kommt es dort wieder zu besonders heftigen Kämpfen. Die Vereinten Nationen rechnen seit Ende April mit über 300 getöteten Zivilisten und rund 300.000 Vertriebenen.

Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen in Idlib

Mindestens 23 Schulen und 25 Gesundheitseinrichtungen sind in Idlib beschossen worden, wie die beigeordnete Generalsekretärin für humanitäre Angelegenheiten Ursula Müller schon Ende Mai vor dem UN-Sicherheitsrat berichtete. Aber es gibt bereits Berichte über noch mehr Angriffe – Kristin Helberg spricht von 35 Schulen (Stand 04.06.2019) .*

"Das sehen wir seit vielen Jahren, dass das Regime versucht, in oppositionellen Gebieten die Infrastruktur zu zerstören, um die Menschen vor Ort zu demoralisieren."
Kristin Helberg, Journalistin und Syrien-Expertin

Der Beschuss von zivilen Einrichtungen ist seit Jahren Teil der Strategie von Machthaber Assad, um zu verhindern, dass eine Alternative zum Regime entsteht, erklärt Kristin Helberg. In der Provinz Idlib wurden zahlreiche Krankenhäuser und Schulen getroffen.

Die Vereinten Nationen hatten zuvor die Koordinaten von Krankenhäusern an die Konfliktparteien übermittelt. Damit sollten diese vor Angriffen geschützt werden. Ob diese Daten für die Luftangriffe genutzt wurden, ist unklar. Die Journalistin Kristin Helberg sagt, es handele sich um eine gezielte Strategie – Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen seien nicht aus Versehen, sondern tatsächlich gezielt erfolgt.

"Assad möchte das Land ja auch gerne "demografisch bereinigen" – in dem Sinne, dass eben nur noch loyale Menschen, loyale Syrer in seinen Gebieten leben, die er dann zurückerobert."
Kristin Helberg, Journalistin und Syrien-Expertin

Offiziell führt das Assad-Regime Krieg gegen die Terroristen in Idlib. Die Dschihadisten-Miliz Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) kontrolliert etwa 70 Prozent der Provinz. Der Krieg des Regimes richte sich aber vor allem gegen zivile Ziele, also Infrastruktur und Wohngebiete, wie Helberg bemerkt. So würden Fassbomben eingesetzt, die per UN-Resolution verboten sind. Letztlich versuche Assad, seine Gegner aus dem Land zu vertreiben. Die Provinz Idlib war für die Revolutionäre aus anderen Regionen in Syrien in den letzten Jahren ein wichtiger Zufluchtsort. Nun seien viele davon gezwungen, in nördlicher Richtung zur türkischen Grenze weiterzuziehen.

Syrische Bevölkerung fordert sichere Route in die Türkei

Es gebe Dialogprojekte zwischen den eingesessenen Bewohnern der Provinz und den Binnengeflüchteten, sagt Helberg. Alle diese Menschen hätten keine Zukunft unter Assad, weil sie tatsächlich von Verhaftung bedroht seien. Deshalb gebe es in Idlib eine neue Dynamik, nämlich Proteste an der Grenze. Dort forderten die Menschen von der internationalen Gemeinschaft, sicher in die Türkei flüchten zu dürfen.

"Die Grenze zur Türkei ist abgeriegelt. Da kommt niemand rüber."
Kristin Helberg, Journalistin und Syrien-Expertin

An der Grenze zur Türkei campieren inzwischen hunderttausende Menschen unter freiem Himmel, berichtet Kristin Helberg. Dort werde ein Druck entstehen – Die Weltgemeinschaft müsse sich irgendwie dazu verhalten. Die Türkei habe drei Millionen Syrer aufgenommen und werde kaum noch mehr ins Land lassen. Die westliche Welt habe eine gewisse Verantwortung für diese Menschen. So habe die deutsche Bundesregierung soziale Projekte in diesen Oppositionsgebieten unterstützt und könne diese Menschen eigentlich nicht im Stich lassen.

Die Bedrohung in Idlib komme von zwei Seiten, wie Helberg von einem ansässigen Journalisten erfahren habe: Kurzfristig sei die Bedrohung durch die Dschihadisten präsenter, langfristig stelle das Regime die größere Gefahr dar.

* Die Zahlen über die Angriffe variieren je nach Veröffentlichung und Datum. Jens Laerke, Sprecher des UN-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) erklärte gegenüber Deutschlandfunk Nova, es seien täglich weitere Angriffe zu erwarten. Am 7. Juni 2019 können die oben genannten Zahlen bestätigt werden. Berichte über Attacken gibt es jedoch weit mehr, derzeit auf 36 Schulen.