In Syrien leiden die Menschen nicht nur unter dem Bürgerkrieg, sondern auch unter einer schweren Wirtschaftskrise. Bei vielen ist die Verzweiflung so groß, dass sie wieder auf die Straße gehen, um gegen das Assad-Regime zu demonstrieren.

Suwaida liegt 90 Kilometer südlich von Damaskus. Die Stadt liegt in einem Landesteil, das immer unter der Kontrolle des Regimes war. Eigentlich sind die Bewohner in diesen Gebieten loyale und treue Anhänger von Machthaber Bashar al-Assad. Doch jetzt kippt die Stimmung: Bürger gehen vermehrt auf die Straßen und fordern lautstark den Sturz des Regimes.

Immer wieder rufen sie "Thawra", auf Deutsch "Revolution", berichtet Jürgen Stryjak, ARD-Korrespondent für Syrien. Und das obwohl sie hohe Strafen fürchten müssen. Denn jeder, der seine Stimme gegen das Regime erhebt, muss mindestens mit einer Gefängnisstrafe rechnen, sagt Syrien-Expertin Kristin Helberg.

"Sie sagen: Wir haben unsere Söhne geopfert, zu Zehntausenden für den Machterhalt des Regimes, und jetzt können wir nicht mal mehr unser Essen bezahlen."
Kristin Helberg, Syrien-Expertin

Verzweiflung ist größer als die Angst

Die Menschen in Syrien sind so verzweifelt, dass sie wieder demonstrieren gehen – trotz Corona. Und trotz der Gefahr sanktioniert zu werden. Nach Ansicht vieler Experten liegt das vor allem an der wirtschaftlichen Lage im Land. Die Landeswährung verfällt, die Preise explodieren. Viele Menschen haben nicht einmal genug Geld, um ihre Kinder satt zu bekommen.

Ein Brot kostet fast 1000 Lira. Wer am Tag aber nur knapp 2000 Lira verdient und eine mehrköpfige Familie ernähren muss, kommt mit seinem Verdienst nicht weit. Ein Arbeiter aus Damaskus erzählt, er könne nicht einmal mehr Obst für seine Kinder kaufen. Kaum jemand kann sich noch Fleisch leisten.

"Ich habe drei Kinder und erwarte das Vierte, aber mein Geld reicht nicht mal für Lebensmittel."
Arbeiter aus Damaskus

Jetzt auch noch US-Sanktionen

Es ist die Verzweiflung, die die Menschen mutig auf die Straße treibt. Denn jetzt treffen auch die US-Sanktionen die Bevölkerung.

Der sogenannte "Caesar Act" richtet sich gegen ausländische Unternehmen und Personen, die Geschäfte mit dem Assad-Regime gemacht haben. Der Finanzsektor ist komplett vom internationalen Geschäft abgeschlossen. Überweisungen von und nach Syrien sind nicht mehr möglich. Als Folge ist der Export ist zum Erliegen gekommen.

"Jeder Staat, jeder Geschäftsmann, jedes Unternehmen weltweit, dass mit Damaskus Handel treiben oder in den Wiederaufbau finanzieren möchte, kann jetzt mit Sanktionen bedroht werden durch die USA."
Kristin Helberg, Syrien-Expertin

Zusätzlich werden die Sanktionen auf das Baugewerbe ausgeweitet: Ausländischen Firmen ist es verboten in den Aufbau des Landes zu investieren. Die neuen Strafmaßnahmen werden die Situation erheblich verschärfen, befürchtet Kristin Helberg. Am meisten darunter leiden, werde die Bevölkerung.

Assad ist unter Druck

Experten beobachten einen Machtverfall von Assad: Er ist unter massivem Druck, sagt Syrien-Expertin Kristin Helberg. Denn seine Machtstrukturen bekommen Risse. Erst vor kurzem hat er den Ministerpräsidenten und fünf Provinzgouverneure entlassen. Sein Cousin, der reichste syrische Oligarch, Rami Makhlouf, hat sich im Mai in sozialen Medien öffentlich gegen Assad gestellt.

"Innerhalb der Familie treten schon einige Brüche auf. Das ist eine Gefahr für ein Regime, das in erster Linie von solchen Beziehungen lebt."
Kristin Helberg, Syrien-Expertin

Nach neun Jahren Bürgerkrieg liegt das Land in Trümmern, steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, und obendrauf treffen die Folgen von Corona auch Syrien. Die Wirtschaft bei den engsten Verbündeten, dem Iran und Russland, ist wie gelähmt. Und auch im Nachbarland, dem Libanon, hat sich die Krise verschärft. Die beiden Länder sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden, sagt die Syrien-Expertin. Mit dem libanesischen Pfund hat auch die syrische Lira an Wert verloren.