• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Beobachtende sind erstaunt über das Auftreten der Taliban während ihrer ersten Pressekonferenz. Denn dort haben sie versprochen, allen vergeben zu wollen. Sogar auf Fragen von Journalistinnen wurde geantwortet. Doch die Unsicherheit bleibt.

Die Taliban in Afghanistan haben am 17. August 2021 in Kabul ihre erste Pressekonferenz abgehalten. Zum Erstaunen der Korrespondentin für Afghanistan, Silke Diettrich: Auch Journalistinnen waren zugelassen, und ihre Fragen wurden beantwortet. Rund 50 Minuten lang haben Vertreter der Taliban Rede und Antwort gestanden.

"Sie haben sich sehr gemäßigt gegeben", sagt Silke Diettrich. Die Taliban sicherten zu, allen zu vergeben, auch Vertretern der ehemaligen Regierung und Soldaten. Sie sprachen auch gezielt Frauen an, die die Gelegenheit bekommen sollen, sich an zum Beispiel der Regierung und der Polizei zu beteiligen. Sie seien "ein wichtiger Teil der Gesellschaft". Als Silke Diettrich das hörte, fragte sie sich, ob das wirklich die Taliban sind.

"Viele von den Taliban hatte man vorher noch gar nicht gesehen. Das waren ganz unbekannte Gesichter."
Silke Diettrich, Korrespondentin für Afghanistan

Bei den versöhnlichen Worten der Taliban bleiben Zweifel, ob es sich um leere Versprechungen handelt, oder ob davon wirklich etwas eingehalten wird. Der Journalist und Sachbuchautor Marc Thörner geht davon aus, dass die Taliban gerade eine Fassade errichten, um den Einfluss aus dem Ausland möglichst gering zu halten.

Auch viele Afghaninnen und Afghanen, mit denen Silke Diettrich spricht, gehen davon aus, dass den Taliban nicht zu trauen ist. So ermordeten sie kürzlich den Leiter des Medieninformationszentrums der alten Regierung Afghanistans, Daua Khan Menapal.

Niaz Shah, Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Hull in Großbritannien, sieht das anders: Er spricht von "völlig neuen Taliban, die weiser geworden sind". Was sie versprechen, würden sie auch halten.

Frauen können auf die Straße gehen, doch die Unsicherheit bleibt

Die Situation rund um den Flughafen in Kabul lässt nur schwierig Rückschlüsse darauf zu, wie die Taliban aktuell agieren. Bundesaußenminister Heiko Maas sagte, der Flughafen sei praktisch abgeriegelt.

Informationen, die Silke Diettrich direkt vom oder aus der Nähe vom Flughafen bekommen hat, zeigen ein etwas anderes Bild: Zwar gibt Kontrollen und Sicherheits-Checkpoints, aber ein Durchkommen zum Flughafen sei durchaus möglich - was bedeuten würde, dass die Taliban wissentlich Menschen aus Afghanistan ausreisen lassen, so sie denn ein Platz in einem Flugzeug bekommen.

Auch die Situation in den Städten ist schwierig einzuordnen: Bisher wird nicht von massenhafter Gewalt durch die Taliban berichtet. Andererseits haben Menschen Angst und bleiben lieber in ihren Wohnungen und Häusern. Männer lassen sich Bärte wachsen. Vor allem ehemalige Regierungsmitarbeiter, Polizisten und Ortskräfte befürchten Gewalt durch die Taliban.