Ab 2022 darf nur noch Tattoofarbe benutzt werden, die einer bestimmten EU-Verordnung entspricht. Die soll potenziell schädliche Stoffe in Tattootinte verhindern. Das Problem: Das Angebot für die neuen Farben ist noch klein und niemand weiß, ob sie eine echte Alternative sind.

Tattoos gehören für einige Menschen zu ihrem Körperbild dazu. Doch Tätowierfarbe steht oft wegen ihrer Inhaltsstoffe in der Kritik. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) sieht in über 4000 Chemikalien, die für Tätowierfarben und Tinten für Permanent-Make-up benutzt werden, ein Gesundheitsrisiko und verbietet ihren Einsatz im Rahmen der sogenannten Reach-Verordnung. Das Verbot gilt ab dem 4. Januar 2022 innerhalb der gesamten EU – also auch in Deutschland.

"Reach" steht für Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien und soll Menschen und die Umwelt vor schädlichen Chemikalien schützen. Für Lebensmittel, Textilien, Reinigungsmittel oder auch Kosmetika greift die EU-Verordnung teilweise schon seit Beginn ihrer Einführung 2007.

Stoffe potenziell schädlich

Das neue Verbot gilt ab nächstem Jahr für chemische Stoffe in Tinten für Tattoos und Permanent-Make-up, die sich zu schädlichen Stoffen abbauen und zum Beispiel Hautallergien auslösen oder zu genetischen Mutationen und Krebs führen können.

Tattoofarben können zum Beispiel Schwermetalle wie Nickel, Chrom oder Kupfer enthalten. Dazu kommen noch Konservierungsstoffe, Stabilisatoren und Weichmacher. Die Liste der potenziell gefährlichen Stoffe ist lang. Studien darüber, wie groß das Gesundheitsrisiko durch die betroffenen Substanzen tatsächlich ist, fehlen bisher aber.

Pigmente bleiben ein Leben lang im Körper

Was hingegen klar ist: Die meisten der unter die Haut gestochenen Pigmente bleiben im Körper und wandern dort auch an andere Stellen, erklärt Chemiker Michael Giulbudagian vom Bundesinstitut für Risikobewertung. "Wir wissen aus Studien, dass zum Beispiel die Lymphknoten tätowierter Menschen verfärbt sind."

"Ein Großteil der Pigmente bleibt ein Leben lang im menschlichen Körper. Die Pigmente aus den Tätowiermitteln bleiben aber nicht alle an der Stelle, an der das Tattoo gestochen wurde."
Michael Giulbudagian, Bundesinstitut für Risikobewertung

Viel Ungewissheit nach Verbot

Hersteller von Tattootinte sollen daher in Zukunft nachweisen, dass ihre Produkte frei von den betroffenen Substanzen sind. Dafür hatten sie die vergangenen zwölf Monate nach der Ausweitung der Verordnung Zeit. Erste Reach-konforme Farben mit unbedenklichen Inhaltsstoffen gibt es auch schon, allerdings nur von einzelnen Herstellern. Manche Tätowierer*innen kritisieren die Hersteller deswegen, sie hätten zu spät reagiert, obwohl sich das Verbot seit einiger Zeit angekündigt habe.

In vielen Tattoostudios sorgt die EU-Verordnung aktuell für offene Fragen und lange Wartezeiten. Denn: Durch die neue Vorschrift sind sie dazu gezwungen, den Großteil ihrer bisherigen Tattoofarben wegzuwerfen, ohne zu wissen, ob es bis Anfang 2022 genügend von den Reach-konformen Tinten auf dem Markt gibt und wie sich die Farben unter der Haut verhalten, erklärt Urban Slamal, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Tattoo.

"Im Grunde genommen bedeutet das, dass man bis zum 04.01.22 seine gesamten bis jetzt im Studio befindlichen Farben in eine große Mülltonne packen und entsorgen kann."
Urban Slamal, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Tattoo

Tätowiererin Ania Miszak ist deswegen noch skeptisch. Die Tattoofarben, die sie bislang benutzt hat, hätten sich über Jahre bewährt. Die Neuen hingegen seien in einer vergleichsweise kurzen Zeit entwickelt worden. "Für mich ist das ein komisches Gefühl. Was mache ich jetzt? Teste ich das an mir selber aus? Und dann muss ich noch schauen: Ist die Tinte wirklich farbintensiv? Verändert sie sich unter der Haut? Verläuft sie?"

Es bleibt also abzuwarten, ob die neue Tattoofarbe nicht nur den Ansprüchen der EU-Verordnung gerecht wird, sondern auch denen der Tätowierer*innen und ihrer Kund*innen. Und wann die ersten Studien dazu veröffentlicht werden.

"Ich muss jetzt mal schauen, wie gut die Farbe tatsächlich ist. Sie wurde in einer superkurzen Zeit entwickelt – gerade das Schwarz innerhalb eines Jahres."
Ania Miszak, Tätowiererin
  • Moderator:  Markus Dichmann
  • Autor:  Fridolin Menzel, Deutschlandfunk Nova