Keine App hat unser Liebesleben so verändert wie Tinder. Zusammen mit der Sozialpsychologin Johanna Degen haben wir uns die Auswirkungen der Dating-App auf uns und unser Liebesleben zehn Jahre nach dem Start genauer angeschaut.

In der Bahn, in der Bar oder auf dem Klo. Mit Tinder können wir seit nunmehr zehn Jahren von beinahe jedem Fleck der Erde aus – vorausgesetzt dort gibt es Internet – daten. Die App hat die Art und Weise, wie wir potenzielle Sex-, Affären oder Beziehungspartner*innen kennenlernen können, total verändert. Johanna Degen ist Sozialpsychologin und lehrt und forscht zu Tinder an der Europa-Universität Flensburg.

Sie sagt: Die App wird in allen Milieus und in jedem Altern genutzt und zeigt einen Querschnitt der Gesellschaft. Was sich im Laufe der Zeit verändert hat, ist die Nutzungsabsicht. "Als Tinder neu war, wurde dort eher Sex gesucht", sagt Johanna Degen. "Später war das eher das Medium, um ganz seriöse Absichten zu verfolgen – und heute ist es wieder eher Sex."

Die meisten Paare lernen sich zwar immer noch über Freund*innen kennen: Mehr als ein Viertel (28 Prozent) gaben in einer Umfrage 2022 an, über den Freundeskreis zueinandergefunden zu haben. Platz zwei belegen jedoch schon das Internet und Dating-Apps. Auf diese Weise finden sich inzwischen ganze 24 Prozent der Paare. Andere Umfragen kommen zu ähnlichen Werten.

Ein typisches Tinder-Date

Im Laufe der Jahre hat nicht nur die Zahl der Dates, die wir über Tinder ausmachen, zugenommen, sondern es hat sich auch eine ganz spezielle Art des Tinder-Dates herausgebildet, erklärt Johanna Degen. Demnach waren Dates früher einmal eine Gelegenheit, bei der wir viel Zeit, Geld und Emotionen investiert haben.

"Früher waren Dates etwas Besonderes, worauf man sich gefreut hat. Onlinedating funktioniert ganz anders."
Sozialpsychologin Johanna Degen über die Besonderheiten von Online-Dating

Onlinedating hingegen sei "Love Investment". "Ich riskiere so wenig wie möglich, sowohl von meiner Person als auch an Zeit und Geld", erklärt Johanna Degen. "Ich versuche so viel wie möglich rauszuholen, ohne was zu riskieren. Das hat allerdings seinen Preis, denn dann geht die Spannung verloren."

In der Praxis heißt das, dass wir zum Beispiel viele Dates in einer Woche vereinbaren oder uns sogar zweimal an einem Abend verabreden. "Oder auch, dass man was nebenbei erledigt", sagt die Sozialpsychologin. "Dann geht man zusammen zum Joggen, weil dann hat man wenigstens ein Work-out fertig."

Tinder bietet der Forscherin zufolge "eine Lösung für lebensweltliche Herausforderungen im neoliberalen Kapitalismus." Jede*r hätte das Gefühl, Zeit sparen zu müssen. "Wir arbeiten viel, wir haben verengte soziale Räume", sagt Johanna Degen. "Wir haben das Gefühl, draußen kann man Menschen immer schwieriger ansprechen, oder man riskiert dabei etwas politisch. Diese Online-Sphäre bietet einen vermeintlich eindeutigen Ort, der all das löst."

Warum viele Tinder-Profile gleich aussehen

Auch, dass wir beim swipen auf die immer gleichen Profilinhalte - und Darstellungen stoßen, lässt sich wissenschaftlich belegen. Johanna Degen und ihr Team nennen das "Selbstwert Sinnliches Verhalten".

"Wir als soziale Wesen positionieren uns über Vergleiche", sagt sie. "Wir vergleichen und es tut uns weh, ständig und fortlaufend beurteilt zu werden. Deshalb entwickelt man Strategien, wie man weniger riskiert. Das ist zum Beispiel eine normative, gleichförmige Darstellung, die wenig Informationen preisgibt."

"Die Menschen sind natürlich gar nicht langweilig, aber die Profile werden sehr gleichförmig und das kann man abwertend wahrnehmen."
Sozialpsychologin Johanna Degen über Tinder-Profile

Bei deutschen Tinder-Nutzer*innen kommen Bilder, auf denen wenig Filter und Make-up benutzt werden – oder zumindest so, dass man es nicht erkennen kann, am besten an, wie die Forschung von Johanna Degen zeigt.

"Meine Empfehlung ist ein Bild, auf dem man die Silhouette des Körpers erkennen kann, sonst herrscht Misstrauen. Wenig sichtbare Filter, wenig Make-up und Bilder draußen helfen – und auch, die Zähne zu zeigen."
Sozialpsychologin Johanna Degen über Tinder-Bilder

Optimal sind sie, wenn darauf eine andere Person oder ein Tier zu sehen sind und die Fotos nicht gestellt, sondern natürlich wirken. "Wenn man die Bilder draußen aufnimmt, werden besonders positive Eigenschaften wie Loyalität und Witz unterstellt", sagt sie.

Warum wir Zeit auf Tinder verbringen

Das Motiv, was eigentlich alle Tinder-User*innen teilen, ist, dass man eine gute Zeit haben möchte. "Niemand ist da, um eine schlechte Zeit zu verbringen, schlechten Sex zu haben oder sich abwerten zu lassen", sagt die Sozialpsychologin.

Die Motive für eine Anmeldung sind dabei trotzdem seht unterschiedlich. Einige wollen die Liebe finden, andere Freundschaft, wieder andere Sex. "Aber es ist nicht die breite Masse, die dort Sex sucht", sagt Johanna Degen. "Das ist auch nichts Geschlechtstypisches. Oft haben Männer ernste Absichten und fühlen sich verletzt davon, dass sie dann mit der Abwertung, dass sie keine ernsten Motive hätten, konfrontiert werden."

Und noch etwas hat sich in den vergangenen zehn Jahren in unserem Umgang mit Tinder geändert. Die Scham von Nutzenden ist gesunken, sagt die Sozialpsychologin. "Es ist immer noch ein bisschen in Verruf, aber es ist nicht mehr beschämend", sagt sie.